Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Archäologie kann diese Version der Geschichte nicht bestätigen

Baku, den 17. März (AZERTAG). Historische Quellen beschreiben, dass im frühen 5. Jahrhundert nach Christus die Angeln und Sachsen vom Kontinent nach Britannien auswanderten und dort auf brutalste Weise die einheimische Bevölkerung fast vollständig ausrotteten. Doch die Archäologie kann diese Version der Geschichte nicht bestätigen.

Es sind vor allem die Schilderungen von Gildas dem Weisen in seinem Werk „Der Untergang Britanniens“, die unser Bild von der angelsächsischen Invasion nachhaltig geprägt haben. Seine Beschreibungen sind bestes Hollywood-Material: „Bedauernswert anzusehen lagen mitten in den Straßen die gestürzten Spitzen hoher Türme, Steine hoher Mauern, heilige Altäre und Teile menschlicher Körper, bedeckt von Flecken geronnenen Blutes, als seien sie in einer Presse zusammengedrückt.“

Der weise Gildas war ein keltischer Christ, gebildeter Sprössling eines Adelsgeschlechts. Kein Wunder also, dass seine Welt ins Wanken geriet, als die sächsischen Heiden von Kontinentaleuropa auf die Insel drängten. Bald schon, glaubt man seinen Worten, hatten die Angelsachsen die romanisierte Bevölkerung fast vollständig verdrängt und ersetzt.

„In jüngerer Zeit wurde diese Interpretation aber in Frage gestellt, weil sie nicht mit den archäologischen Funden übereinstimmt“, schreibt eine internationale Forschergruppe um die amerikanische Archäologin Susan Hughesin einem Aufsatz in der aktuellen Ausgabe des Journal of Archaeological Science. „Statt die Bevölkerung zu ersetzen, könnten vielmehr kleine Gruppen germanischer Einwanderer im Zuge der generellen sozialen, religiösen und politischen Umwälzungen Westeuropas nach England immigriert sein.“ Eine dritte Möglichkeit wäre, so die Forscher, dass tatsächlich nur wenige Übersiedler auf die Insel zogen, aber am Ende doch in einer Welle die einheimische Bevölkerung Britanniens „sachsifizierten“.

Um mehr Licht in das sächsische Dunkel zu bringen, nahmen die Forscher sich die Toten des Friedhofes von Berinsfield in der Grafschaft Oxfordshire vor. Er ist einer der frühesten angelsächsischen Friedhöfe im oberen Themsetal und liegt in einer Gegend, in der zu römischen Zeiten reger Betrieb herrschte. „Damit eignet er sich ideal, um diese Fragestellung zu untersuchen“, schreiben die Forscher.

Chemie im Zahn - Wie unterscheidet man nun einen toten Angelsachsen von einem Toten, der das obere Themsetal seine Heimat nannte - wenn nur noch die Knochen und Zähne übrig sind?

Anhand der Verhältnisse von Strontium- und Sauerstoffisotopen. Denn die sind jeweils charakteristisch für eine Region. Wächst jemand in einer bestimmten Region auf, trinkt das Wasser von dort und konsumiert nur lokale Pflanzen und Tiere, dann findet sich diese so genannte Isotopensignatur auch in seinem Zahnschmelz wieder. Die Zähne bildet der Körper, anders als anderes Gewebe, nur in der Kindheit - danach sind sie fertig und unveränderlich. So lässt sich ein Angelsachse auch nach 1500 Jahren im Boden noch als Angelsachse identifizieren - denn seine Zähne tragen die Strontium- und Sauerstoffisotopensignatur seiner Heimat.

Insgesamt 19 Individuen wählten die Forscher für ihre Tests. Sie alle starben zwischen 450 und 550 nach Christus, also in der frühen Zeit der angelsächsischen Invasion. Glaubt man Gildas, müsste die Isotopensignatur von nahezu der Hälfte der Toten von einem Ort außerhalb Britanniens stammen.

Um Vergleichswerte zu haben, untersuchten die Forscher nicht nur Bodenproben aus dem Friedhof selber, sondern auch von 15 weiteren geologischen Formationen im Umkreis von 20 Kilometern. Der Zahnschmelz von Pferden, Rindern, Schafen und Ziegen aus römischer und angelsächsischer Zeit diente ebenfalls als Vergleichsmaterial.

Alles Einheimische - Was dabei im Labor herauskam, straft Gildas Lügen: „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass die Mehrheit der Individuen in der näheren Umgebung geboren wurde, das heißt, sie tranken lokales Wasser und aßen Lebensmittel, die von lokalem Boden stammten“, schreiben die Forscher. Nur vier der Toten scheinen aus der Fremde ins obere Themsetal gekommen zu sein. Und von ihnen stammt sogar nur einer ganz sicher vom Kontinent, und zwar aus dem Gebiet des heutigen südwestlichen Deutschlands.

Es handelt sich um einen Mann, der mit einem römischen Gürtel bestattet wurde. Ein weiterer könnte zwar auch aus dem heutigen Mitteldeutschland kommen - doch eine ganz ähnliche Isotopensignatur gibt es auch im Nordosten Englands. Eine ältere Frau und ein junger Mann ergänzen die Gruppe der Einwanderer - doch sie wuchsen wahrscheinlich respektive im Westen oder Südwesten, beziehungsweise im Norden oder der Mitte Englands auf. Damit ist auf dem Friedhof von Berinsfield nur einer von 19 oder 5,3 Prozent der Toten ein Angelsachse.

„Es gab' aber noch nicht viele Isotopenanalysen von frühen angelsächsischen Gräberfeldern“, schreibt Hughes in einer Email an Spiegel Online. „Es wäre verfrüht, zu sagen, dass auch anderswo der Anteil an tatsächlichen Angelsachsen so gering ist.“ Derzeit untersucht die Archäologin noch einen weiteren Friedhof im Süden Englands. „Dort scheinen etwa die Hälfte der Toten Einwanderer vom Kontinent zu sein. Ich denke, der Übergang von römischer zu angelsächsischer Herrschaft ist ein komplexer Prozess gewesen und könnte auch von Region zu Region unterschiedlich verlaufen sein.“

Sollte aber auf vielen Friedhöfen Englands der Anteil an Angelsachsen so gering sein wie in Berinsfield, stellt sich die nächste Frage: Was haben diese Einwanderer angestellt, um ihre Kultur so erfolgreich zu verbreiten? Wie haben sie es geschafft, mit einer Handvoll Leute das gesamte Inselreich umzukrempeln? Und diese Frage ist archäologisch noch schwieriger zu beantworten.

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