Arktische Eismassen haben sich halbiert
Baku, den 19. September (AZERTAG). Neuer Negativrekord im Norden. Noch nie seit Beginn der Satellitenmessungen war das Meereis in der Arktis so stark geschrumpft wie in diesen Tagen. Forscher warnen vor einem „neuen Klimazustand“ - und Extremwinter in Europa.
Die Eisschollen auf dem Ozean über dem Nordpol sind auf die kleinste Fläche seit Beginn der Satellitenmessungen im Jahr 1973 geschrumpft. Das berichten Forscher mehrerer Institute. Derzeit bedecke das auf dem Wasser treibende Eis in der Arktis ein Gebiet von rund 3,4 Millionen Quadratkilometern, was der Ausdehnung von Indien entspricht.
Wissenschaftler warnen, die Schmelze könne die Erwärmung der Luft beschleunigen und damit auch das Tauen der Gletscher in Grönland und den Anstieg des Meeresspiegels. Zugleich werden am Nordpol Routen für Schifffahrt und Fördergebiete für Rohstoffe frei.
Von den siebziger Jahren an bis zur Jahrtausendwende war das sommerliche Meereis in der Arktis zur Jahreszeit seiner geringsten Ausdehnung Mitte September im Durchschnitt doppelt so groß wie jetzt. Die kleinste, je gemessene Meereisfläche am Nordpol sei vermutlich am 16. September erreicht worden und seither konstant klein geblieben, berichtet der Umweltphysiker Georg Heygster von der Universität Bremen.
„Jetzt geht es an die Substanz“-Von nun an wird zwar kühlere Witterung das Meereis bis zum Frühjahr wieder wachsen lassen. Doch auch die maximale jährliche Ausdehnung im Frühjahr hat sich deutlich verringert. „Nicht nur die Fläche, auch die Dicke der Eisschollen hat abgenommen“, berichtet Rüdiger Gerdes vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Im Sommer taue mittlerweile jedes Jahr mehr Eis, als im Winter wieder hinzukomme, ergänzt Peter Wadhams von der Cambridge University in Großbritannien: „Das System kollabiert.“
Vor 30 Jahren war die Frostdecke durchschnittlich dreieinhalb Meter dick, heute sind es noch gerade mal knapp zwei Meter. Die Dicke des Eises ist allerdings schwierig zu messen, Satellitendaten halfen bislang kaum weiter - Forscher sind auf Stichproben vor Ort angewiesen. „Doch klar ist: Jetzt geht es an die Substanz“, sagt Lars Kaleschke von der Universität Hamburg.
„Die Daten zeigen, dass sich der Rückgang in den vergangenen 40 Jahren stetig beschleunigt hat“, ergänzt Heygster. Dieses Jahr zertrümmerte zudem ein ungewöhnlicher Sturmwirbel Anfang August eine erhebliche Menge Meereis - das Eis schmolz in jenen Tagen so rapide wie noch nie seit Beginn der Messungen.
Historisch gab es zwar bereits ähnliche Zeiten: In den dreißiger Jahren etwa war die Arktis wohl ähnlich warm wie heute. Und im sogenannten Holozänen Klimaoptimum vor 5000 bis 8000 Jahren bedeckte noch mit weitaus weniger Eis den Nordpol; damals war es in der Arktis etwa drei Grad wärmer.