Ein Umweltdesaster unvorstellbaren Ausmaßes
Baku, den 24. September (AZERTAG). Die Gasverschwendung verursacht ein Umweltdesaster unvorstellbaren Ausmaßes. Sie alleine macht zwei Prozent des energiebedingten Ausstoßes von Treibhausgas weltweit aus. Das ist so viel wie 77 Millionen Autos in einem Jahr freisetzen - so viele Automobile wurden weltweit 2010 gebaut.
Im Nigerdelta sind die Folgen besonders schlimm. Hier wachsen die größten Mangrovenwälder Afrikas. Ein undurchdringliches Labyrinth brauner, zum Teil überirdisch verlaufender Wurzeln durchzieht den sumpfigen Grund Hunderte Kilometer weit. Bis in die 50er Jahre war die Region nahezu unberührt, denn das Dickicht der 20 bis 30 Meter hohen Mangroven hielt die Menschen fern. Doch dann kamen die Ölförderer, bauten Kanäle und planierten Straßen in die Sumpflandschaft. Seither schillert das Wasser an vielen Stellen giftig-bunt vom ausgelaufenen Öl. Die Blätter der Mangroven verwelken. Kahl wie Gerippe ragen Wurzeln und Äste aus dem braunen Schlamm. Seit den 80er Jahren wurde ein Viertel der Wälder vernichtet. Das Niger-Zwergflusspferd, einst heimisch im Delta, ist vermutlich ausgestorben, viele seltene Affenarten sind bedroht. Schimpansen, die Nigeria-Blaumaulmeerkatze, die Rotbauchmeerkatze und der Rote Stummelaffe.
Die Fackeln und ihre Rauchschwaden an den Ölquellen sind so gigantisch, dass sie sogar vom All aus zu sehen sind. Bilder von Wettersatelliten zeigen einen Planeten, gespickt mit Brandherden. Aus diesen Aufnahmen errechnen Forscher im Auftrag der Weltbank regelmäßig die Menge an vernichtetem Gas, brisante Daten, die die meisten Länder nicht veröffentlichen. Bis 2011 stagnierte die abgefackelte Gasmenge, während die Ölfördermenge stieg. Denn Unternehmen in den Industrieländern begannen, das Gas an jenen Ölquellen zu nutzen, an denen es sich leicht abfangen und aufbereiten ließ. Übrig blieben die schwierigen Fälle, und gerade diese werden immer zahlreicher.
Ölkonzerne wie Shell, Chevron, Exxon Mobil und Total bohren an immer exotischeren Orten und in über tausend Metern Meerestiefe nach Öl, wo die Aufbereitung des Gases schwerer fällt. Deshalb wird nun seit 2011 wieder mehr Erdgas als in den Vorjahren abgefackelt.
Als Emem Okon als junge Frau in den 90er Jahren im Nigerdelta von Dorf zu Dorf zog, um die Bewohner gegen das Militärregime zu mobilisieren, klagten sie ihr Leid über die Gasfackeln. Ruß, Schwermetalle, Schwefeloxide und giftige Kohlenwasserstoffe - „Frauen verlieren ihre Kinder oder bekommen missgebildete Babys“, berichtet Okon. „Viele werden vorzeitig unfruchtbar.“ In den Krankenhäusern liegen sie mit chronischen Atemwegserkrankungen, mit Asthma und Atemnot. Etliche bekommen schlecht Luft und kaum einen Ton heraus, Haut und Augen sind entzündet. Manche haben Krebs. Gerade die Frauen leiden besonders.