Ein Weltbankchef mit Wachstumsschwäche
Baku, den 27. März (AZERTAG). Ist Wachstum schädlich? Ja, schrieb der designierte Weltbankchef vor zwölf Jahren. Das bringt Jim Yong Kim jetzt in Schwierigkeiten. Denn Wachstum gilt vielen Ökonomen noch immer als die beste Entwicklungshilfe.
Schon der Umschlag ist ziemlich eindeutig. Im Vordergrund steht ein junges Mädchen in einer vermüllten Slum-Kulisse, im Hintergrund ragen die Hochhäuser einer Großstadt empor. Dazwischen zwei aufsteigende Zickzacklinien, wie man sie von Börsenkursen kennt und der Titel: „Dying for Growth“. Als „Hunger nach Wachstum“ lässt sich das übersetzen. Aber eben auch als das Sterben fürs Wachstum.
Das im Jahr 2000 erschienene Buch ist eine Sammlung von 14 Fallstudien, die den Zusammenhang zwischen Ungleichheit und der Gesundheit der Armen untersuchen. Unter normalen Umständen würde es wohl in Universitätsbibliotheken verstauben. Doch einer der Herausgeber war Jim Yong Kim, der US-Kandidat für den Chefposten bei der Weltbank. An seiner Nominierung bestand eigentlich kein Zweifel mehr. Doch nun gerät Kim laut einem Bericht der „Financial Times“ („FT“) in Bedrängnis - weil das Buch „explosive Zitate“ zum Thema Wachstum enthalte.
Tatsächlich nehmen Kim und seine Co-Autoren im Vorwort kein Blatt vor den Mund. „Diese Untersuchungen sind der Beweis dafür, dass das Streben nach Wirtschaftswachstum und Unternehmensgewinnen tatsächlich das Leben von Millionen Frauen und Männern verschlechtert hat“, zitiert die „FT“. In einer Inhaltsangabe des Verlags heißt es außerdem, der freie Markt sei „kein Selbstzweck“ und es sei gebe „nichts befreiendes am modernen Kapitalismus“.
Zwar zeigen sich seit der jüngsten Finanzkrise selbst konservative Politiker als Kritiker eines ungebremsten Wirtschaftswachstums. Doch einem künftigen Weltbankchef wollen Kritiker eine solche Haltung nicht zubilligen. „Dr. Kim wäre der erste Weltbankpräsident, der scheinbar gegen Wachstum ist“, zitiert die „FT“ den New Yorker Ökonomen und einstigen Weltbankmitarbeiter William Easterly. „Selbst die schärfsten Weltbankkritiker wie ich selbst denken, dass Wachstum das ist, was wir brauchen.“
Easterlys Äußerungen zeigen einen neuen Konflikt im Kampf um den Weltbankposten. Bislang stand dabei vor allem der Widerstand von Schwellenländern im Mittelpunkt. Wie zuletzt bei der Kür der neuen IWF-Chefin wehren sie sich ebenso regelmäßig wie erfolglos dagegen, dass Europäer und Amerikaner seit Jahrzehnten die Posten bei Weltbank und Internationalem Währungsfonds untereinander ausmachen.