Fünf Gene beeinflussen unser Gesicht
Baku, den 14. September (AZERTAG). Kurze Nase, große Ohren, hohe Stirn - wie unser Gesicht aussieht, bestimmt unser Erbgut. Jetzt haben Forscher die ersten DNA-Bestandteile identifiziert, die die Form ausmachen.
Dass ein Baby seiner Mutter oder seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten ist, gehört wahrscheinlich zu den häufigsten Sätzen, die junge Eltern von Freunden und Verwandten hören. Wie sich die Gesichtszüge eines Menschen entwickeln, bestimmt tatsächlich zu einem großen Teil sein Erbgut. Das lässt sich schon daraus schließen, dass sich Verwandte häufiger ähnlich sehen als Nicht-Verwandte und eineiige Zwillinge, deren Erbgut sich gleicht, kaum voneinander zu unterscheiden sind.
Aber welche Regionen der DNA steuern, ob jemand eine hohe Stirn hat, einen kräftigen Kiefer oder eine Stupsnase. Das wird im Detail erst jetzt erforscht. Ein internationales Wissenschaftlerteam hat das Erbgut von fast 10.000 Menschen europäischer Abstammung untersucht; beteiligt waren auch Forscher der Universität Greifswald. Sie entdeckten Varianten in fünf DNA-Regionen, die die Gesichtszüge beeinflussen - zumindest bei Menschen mit europäischen Vorfahren.
Im Fachmagazin „Plos Genetics“ berichtet das International Visible Trait Genetic Consortium, dass drei der identifizierten Regionen in Genen liegen und zwei direkt in der Nähe eines Gens. Zwei dieser Gene wurden bereits mit der Entwicklung des Gesichts in Verbindung gebracht. Dass die anderen beiden ebenfalls eine Rolle dabei spielen, war noch nicht bekannt.
Die Forscher führten eine sogenannte Genome-wide Association Study, kurz GWAS, durch. Dabei wird das Erbgut systematisch nach unterschiedlichen Erbgutvarianten durchforstet.
Bei mehr als der Hälfte der Studienteilnehmer vermaßen die Forscher außerdem das Gesicht per Magnetresonanztomografie, sie hatten also Daten zur dreidimensionalen Form des Gesichts. Von den restlichen Probanden, die aus verschiedenen Ländern stammten, lagen Fotos vor. So bestimmten sie beispielsweise die Breite des Gesichts, den Abstand der Augen sowie Länge und Breite der Nase.
Aus der Kombination der Erbgut-Daten und der Gesichtsvermessung zogen die Wissenschaftler dann Rückschlüsse, welche DNA-Varianten die Gesichtsform beeinflussen.
Jeweils nur kleine Unterschiede-Die Erbgutvariante mit dem stärksten Effekt beeinflusst den Abstand zwischen den Augen, genauer gesagt zwischen der Mitte der Pupillen, und zwar um 0,9 Millimeter. Der durchschnittliche Abstand liegt den Daten zufolge bei 65 Millimetern.
Insgesamt liegen die Unterschiede, die sich auf die entdeckten Varianten zurückführen lassen, im Bereich zwischen 0,2 und 0,9 Millimeter. Sehr stark ist der Einfluss der einzelnen Veränderungen also nicht. „Damit haben wir auch gerechnet bei einem komplexen Merkmal wie dem menschlichen Gesicht“, sagt Manfred Kayser von der Erasmus-Universität in Rotterdam (Niederlande).
Von einem anderen äußerlichen Merkmal, der Körpergröße, weiß man bereits, dass sehr, sehr viele Erbgut-Regionen eine Rolle spielen können. 180 Regionen im Genom sind schon bekannt, die wahrscheinlich mitsteuern, wie groß jemand wird. Dennoch lassen sich mit ihrem gesammelten Einfluss nur etwa zehn Prozent der Höhenunterschiede erklären.
Kayser hofft trotzdem, dass die Studie einmal für die Rechtsmedizin nützlich sein könnte. „Möglicherweise wird es irgendwann möglich sein, ein Phantombild zu erstellen - allein anhand der DNA, die an einem Tatort entdeckt wurde.“ Bis dahin sei es allerdings noch ein weiter Weg, sagt er. Immerhin ist es heute schon möglich, mit guter Genauigkeit anhand einer Erbgut-Probe zu bestimmen, welche Augen- und Haarfarbe jemand hat.