Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Jeder fünfte Acker in China ist verseucht

Baku, den 19. April (AZERTAG). Ein schmutziges Staatsgeheimnis ist gelüftet: 19,4 Prozent der Ackerflächen in China sind hochgefährlich verseucht. Im Juni will die Regierung die nächste Hiobsbotschaft folgen lassen.

Als Chinas Premier Li Keqiang im März vor dem Volkskongress der alarmierenden Luftverschmutzung „den Krieg“ erklärte, hielten die meisten Abgeordneten das nur für eine verbale Demonstration.

Das galt umso mehr, weil Li erstmals eingestand, dass die alte Wirtschaftspolitik an der schädlichen Luft schuld sei: „Smog ist das rote Warnlicht der Natur gegen unser Wachstumsmodell ineffizienter und blindwütiger Entwicklung“, hatte er gesagt.

Doch Li meinte seine Warnungen ernst. Er wusste damals schon, was den Delegierten und der Öffentlichkeit seit dem Ende des Volkskongresses erst nach und nach enthüllt wurde. Die Bevölkerung plagt nicht nur verheerend schlechte Luft, sondern auch hoch verschmutztes Oberflächen- und Grundwasser, das Metropolen wie Peking zudem noch auszugehen droht.

Gegen die Wasserkrise der Hauptstadt mit ihren 21 Millionen Bewohnern lassen Chinas Behörden seit Ende 2003 einen gigantischen, 1277 Kilometer langen Süd-Nordkanal graben. Ab Mitte 2014 soll Peking mit dem Wasser versorgt werden, dessen Sauberkeit allerdings umstritten ist.

Folgenschwerer Eingriff in die Natur - Doch auch das wird schon nicht mehr reichen. Deshalb plant Peking einen zweiten folgenschweren Eingriff in den Naturhaushalt. Ab 2019 soll die Hauptstadt jährlich mit einer Million Tonnen entsalztem Meerwasser versorgt werden, das über 270 Kilometer lange Pipelines vom ostchinesischen Bohai-Meer herangepumpt wird.

Und als sei das alles noch nicht genug, kommt zu den Problemen mit Luft und Wasser noch ein drittes hinzu: hoch belastete, stellenweise buchstäblich vergiftete Ackerböden, Weiden, Steppen und Wälder. Das zeigen die folgenschweren Ergebnisse einer Studie über acht Jahre, die die Ministerien für Umwelt, Boden und Ressourcen jetzt bekannt gegeben haben.

Die Minister wollten herausfinden, was nach drei Jahrzehnten hemmungsloser Industrialisierung, die China zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt gemacht hat, alles in den Böden steckt und das Grundwasser belastet.

In einer groß angelegten Untersuchung zwischen April 2005 und Dezember 2013 haben Umweltwissenschaftler, Agrarspezialisten und Chemiker mehr als 100.000 Bodenproben entnommen. Damit decken sie 6,3 Millionen Quadratkilometer Bodenflächen ab, oder zwei Drittel der 9,7 Millionen Quadratkilometer Volksrepublik.

Hochgefährliche Konzentrationen - Sie stießen auf 13 „Verschmutzer“ in oftmals hochgefährlichen Konzentrationen, darunter vor allem Schwermetalle wie Kadmium, Blei und Arsen, Giftschlacken aus Fabriken oder Bergbau, verseuchtes Bauland und die Spuren überdüngter Felder und verbotener Pestizide.

16,1 Prozent des Bodens sind damit in unterschiedlicher Konzentration belastet. 19,4 Prozent der Ackerflächen, zehn Prozent der Waldgebiete, 10,4 Prozent der Steppen und 11,4 Prozent des Brachlandes sind betroffen. Im stärker entwickelten Süden ist die Verschmutzung der Böden schlimmer als im Norden, besonders im hochindustrialisierten Wirtschaftsdelta der Jangtse-Strom-Region und der Perlflussregion.

Stark verseucht sind auch die alten Schwerindustriegebiete in Nordostchina und alle Einzugsgebiete von Bergwerken oder Chinas 20.000 Chemiefabriken.

Empörung über das schmutzige Geheimnis - Das alles machten die Ministerien jetzt auf ihren offiziellen Webseiten bekannt. Chinesische Journalisten reagierten geschockt. Die Überschriften offizieller Tageszeitungen sprachen Bände: „Schwere Bedrohung unserer Gesundheit“ oder „Das lässt keinen Raum für Optimismus“.

Die Enthüllungen kommen 14 Monate, nachdem der Anwalt Dong Zhengwei im Februar 2013 ein Ersuchen an die Umweltbehörde gestellt hatte, die Ergebnisse der Bodenuntersuchung einsehen zu dürfen. Die Behörde verwehrte ihm den Einblick damals mit der Begründung, dass es sich um „ein Staatsgeheimnis“ handelte.

Nun ist das schmutzige Geheimnis offenbar. Selbst die staatstragende „China Daily“ kommentierte empört: „Es ist eine furchtbare Tatsache, dass die Mehrheit unserer Bevölkerung über das Ausmaß der Verschmutzung von Chinas Böden so lange im Dunkeln gehalten wurde.“ Die Daten legten die Vermutung nahe, dass „Verschmutzungen aller Art zum schwersten Hindernis für unser Ziel werden, uns bis 2020 zu einem modernen, prosperierenden Land entwickeln zu können“.

Nur drei Städte haben gute Luft - Die nächste Hiobsbotschaft zur Lage der Umwelt kommt im Juni. Der Vizechef der chinesischen Umweltschutzbehörde, Wu Shaoqing, sagte, dass sein Ministerium dann die Ergebnisse einer weiteren Großuntersuchung bekanntgeben will: Im Jahr 2013 wurde in 74 Großstädten systematisch das Ausmaß der Luftverschmutzung gemessen.

Wu verriet vorab, dass nur drei Städte, darunter das auf 3700 Meter liegende Lhasa, die auf 75 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft hochgesetzten chinesischen Standards für „unbedenkliche“ Luft erfüllen konnten.

In Peking und 13 nordchinesischen Städten dagegen war die Luft im vergangenen Jahr im Durchschnitt nur an 1,1 von drei Tagen (37,5 Prozent) „gut“. „China Daily“ kommentierte, dass jetzt endlich alle den Kampf gegen die Umweltverschmutzung aufnehmen müssten: „Wir führen eine Schlacht, bei der es sich China nicht leisten kann zu verlieren.“

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