Kanadier protestieren gegen Spion im eigenen Haus
Baku, den 9. Januar (AZERTAG). Intelligente Stromzähler sollen Verbrauchern beim Energiesparen helfen. Das Problem: Der Anbieter sieht durch sie fast alles, was im Haus passiert.
Die Bewohner der westkanadischen Provinz British Columbia (BC) sind normalerweise ziemlich entspannte Leute; nur selten lassen sie sich aus der Ruhe bringen. Am äußersten Rand der westlichen Welt lebt es sich recht beschaulich. Jetzt aber proben Einwohner von BC den Aufstand - und zwar wegen eines Stromzählers: dem „Smart Meter“. Ein solcher intelligenter Stromzähler - so die Übersetzung - kann nämlich mehr als einfach nur Strom ablesen. Kabellos und digital überwacht er sämtliche Vorgänge im ganzen Haus. Nicht nur, wie viel Gas, Strom und Wasser dort verbraucht werden, sondern auch welcher Film gerade im Fernsehen läuft und wann der Kühlschrank geöffnet wird. Viele Kanadier wollen das nicht hinnehmen.
Und es sind bei weitem nicht nur Technologiemuffel, die den Smart Meter bekämpfen. Protest regt sich inzwischen quer durch alle Bevölkerungsschichten - unter anderem weil die Provinzregierung British Columbia die Geräte einfach eingeführt hat, ohne das Volk nach seiner Meinung zu fragen. Seit Juli 2011 ersetzt der staatliche kanadische Stromversorger BC Hydro jeden Tag rund 5000 alte Stromzähler durch die digitalen neuen Geräte. Insgesamt 1,8 Mio. dieser neuen Stromzähler wurden in sämtlichen Haushalten der 4,4 Millionen Einwohner zählenden Provinz angeschraubt.
Die Freiheit, über das eigene Leben entscheiden zu können, zählt in British Columbia zu den wichtigsten Grundsätzen der Demokratie. Auf den Golfinseln vor Vancouver, wo vor allem zivilisationsmüde Künstler, Aussteiger und Biobauern leben, wollen die Bewohner nun eine Smart-Meter-freie Zone einrichten. Kein guter Plan der Regierung sei das, schimpft Chris Anderson, Vorstand der Initiative Gulf Islanders for Safe Technology auf Salt Spring Island. „Hydro zwingt jeden, ein Gerät in seinem Haus zu installieren, das wie ein Überwachungsinstrument funktioniert.“
Smart Meter sind sogenannte intelligente Stromzähler, die per kabelloser Kommunikation in einem Smart Grid - einem intelligenten Stromnetz - verbunden sind. Das Ablesen des Stroms wird damit über das Internet möglich. Ziel ist es, Energieversorgung zu dezentralisieren, Energie effektiver zu verteilen und den Verbrauch transparenter zu machen. So können Smart Meter elektrische Geräte mit besonders hohem Stromverbrauch identifizieren und dies melden. Die Stromzähler kommunizieren per Datenfernübertragung mit sämtlichen digitalen, elektrischen Geräten im Privathaushalt. Dazu werden in kurzen Ableseintervallen Signale abgefragt.
Grundsätzlich sollen Smart Meter erst einmal den Kunden detaillierte Informationen zu ihrem Stromverbrauch liefern. Aber umgekehrt ist dies auch den Energieversorgern möglich. Anhand der Lastkurven, die durch den überwachten Verbrauch gezeichnet werden, lässt sich ablesen, wann ein Bewohner aufsteht, duscht, sich die Haare trocknet, die Waschmaschine anschaltet und sein Haus verlässt.