Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Klimadaten erklären Niedergang von Hochkulturen

Baku, den 22. April (AZERTAG). Für die Maya kam der Klimawandel zu spät. Jahrhundertelang hatte es sich abgekühlt in Mexiko, immer öfter blieb der Regen aus. Mitte des zehnten Jahrhunderts lebten dort nur noch ein Zehntel so viele Menschen wie zuvor. Hundert Jahre später wucherte wieder dichter Dschungel über ehemaligen Maya-Städten. Es wurde wärmer und feuchter, das Mittelalterliche Klimaoptimum setzte ein - doch es kam nicht rechtzeitig für die Maya, sie waren verschwunden.

Ihr Schicksal war kein Einzelfall. Eine neue Studie gibt Aufschluss, wie das Klima die Geschichte von Völkern verändert hat: Erstmals zeigen Daten die Temperaturentwicklung der vergangenen 2000 Jahre auf allen Kontinenten außer Afrika. 78 Forscher aus 24 Ländern veröffentlichen die Ergebnisse ihres siebenjährigen Forschungsprojekts Pages 2k im Fachmagazin „Nature Geoscience“. Mit unerreichter Genauigkeit lasse sich nun die Klimaentwicklung über einen solch langen Zeitraum für alle Weltregionen unterscheiden, resümiert Mitautor Ulf Büntgen von der Forschungsanstalt WSL in der Schweiz.

Die wichtigsten Ergebnisse sind: Abgesehen von wenigen Erholungsphasen wurde das Klima weltweit immer kühler. Schuld waren vor allem schwächelnde Sonnenstrahlung und starke Vulkanausbrüche.

Erst seit dem 19. Jahrhundert haben sich alle Kontinente mit Ausnahme der Antarktis deutlich erwärmt, die Nordhemisphäre doppelt so stark wie der Süden.

Der Zeitraum 1971 bis 2000, mit dem die Studie endet, war in den meisten Regionen der wärmste. In Europa aber war es zur Römerzeit im ersten Jahrhundert noch milder.

Das Mittelalterliche Klimaoptimum setzte auf der Südhalbkugel später ein als im Norden: Dort dauerte die milde Episode von der Mitte des zwölften bis weit ins 14. Jahrhundert, hier von etwa 830 bis 1100.

Auch die Kleine Eiszeit, die im späten Mittelalter Hunger und Seuchen nach Europa brachte, kam im Süden später.

Die Forscher haben weltweit 511 Klimaarchive ausgewertet: Sie lasen in Jahresringen alter Baumstämme, in Korallen, Eisschichten und in Schlammsedimenten am Grund von Gewässern. Darin hat sich Jahr für Jahr Schicht um Schicht die Temperatur verewigt. Beispielsweise verrät die Breite von Baumringen oder der Gehalt von Sauerstoffteilchen, ob es wärmer oder kälter wurde. Die Daten zeigen entweder die Temperatur im Jahresdurchschnitt oder im Sommer.

Aufs Jahr genau kennen Forscher die Klimahistorie Europas. Blütezeiten des Römischen Reiches und des Deutschen Reiches fielen in regenreiche Warmzeiten; schlechte Zeiten wie Völkerwanderungen, Pest und Dreißigjähriger Krieg ereigneten sich in Phasen rauen Klimas.

Auch in Nordamerika ließ die mittelalterliche Warmphase, in der es ähnlich mild war wie derzeit, das Leben erblühen: Insbesondere in nördlichen Regionen wie Colorado und Iowa siedelten immer mehr Indianer, ihre Maisfelder gediehen prächtig. In Kanada breiteten sich Wälder aus; Elche und Hirsche wurden zur begehrten Beute. Im 13. Jahrhundert verschwanden ganze Kulturen wie die Anasazi aus Nordamerika - kein Zufall, wie die neuen Daten unterstreichen. Die Abkühlung brachte Dürre.

Zur gleichen Zeit wurde es im Süden wärmer. Im 13. Jahrhundert erstarkte in Südamerika das Inka-Reich; es dehnte sich bald über 4000 Kilometer. Doch nicht nur das Klima macht Geschichte: Nicht die Abkühlung, sondern kriegerische Spanier ruinierten die Inka. Besonders Niederschläge bestimmen über das Wohl der Menschen. In Südamerika sorgen vor allem El-Niño-Ereignisse für schwere Dürre - wie der Wetterumschwung mit der Temperatur zusammenhängt, ist allerdings unklar.

Auch in Asien bestimmte das Klima wesentlich das Schicksal. Dort ist es vor allem der Monsun, der Regen bringt. Indien erlebte mit dem Mittelalterlichen Optimum einen Aufschwung: Zur ersten Jahrtausendwende erreichte es einen bis zur Neuzeit nicht überbotenen Bevölkerungszuwachs. Während der Kleinen Eiszeit halbierte sich die Einwohnerzahl Indiens auf etwa 130 Millionen.

Doch die Gleichung „höhere Temperatur gleich besseres Klima“ wäre voreilig, zumal Berechnungen zeigen, dass eine weitere Erwärmung bedrohliche Folgen haben könnte: Zwar erlebte auch China in der mittelalterlichen Warmzeit eine Blütezeit. Großen Einfluss hatten durchgreifende politische Reformen der Song-Dynastie. Doch die kalte Trockenheit im späten Mittelalter brachte China keinen Einbruch wie in Europa. Zumindest die Ming-Zeit gilt als wirtschaftlich starke Epoche.

In Australien verlief das Klima deutlich gleichmäßiger. Erst in den vergangenen Jahrzehnten gab es durchgreifenden Wandel. Der Kontinent hat sich deutlich erwärmt. Besonders markant zeigt sich Erwärmung der letzten Jahrzehnte in der Arktis, wo es warm ist wie nie in den vergangenen zwei Jahrtausenden.

Die Antarktis aber scheint vom Rest der Welt weitgehend abgekoppelt. Die abgeschiedene Eiswelt hat sich in den vergangenen 2000 Jahren kontinuierlich abgekühlt. Nur ihr nordwestlicher Zipfel erwärmt sich derzeit. Aus Afrika gebe es zu wenige Daten, sagt Studienautor Darrell Kaufman von der Northern Arizona University in Flagstaff, USA.

Was sagen die Daten über das künftige Klima und den Einfluss des Menschen? Wenig, betonen die Forscher. Ihre Studie zeige den genauen Verlauf der Temperatur auf den Kontinenten, über Ursachen aber mache sie keine Aussage. Anstatt der aufgeregten Klimadebatte Futter zu liefern, hoffen die 78 Experten auf Anerkennung ihrer aufwendigen Arbeit, die die Kulturhistorie mit der Klimageschichte verbindet.

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