Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Krebsmedikament beschädigt Nervenfasern

Krebsmedikament beschädigt Nervenfasern

Baku, 19. März, AZERTAC

Einmal beschädigte Nervenfasern im Rückenmark können nicht heilen. Krebsmedikamente sollen das ändern. Forscher haben die Methode nun an Ratten weiterentwickelt. Erste Tests verliefen vielversprechend.

Eine Sekunde der Unaufmerksamkeit, ein Unfall und das ganze Leben verändert sich unter Umständen schlagartig. Wenn das Rückenmark verletzt wird, führt der Weg oft direkt in den Rollstuhl, für immer. Der Grund: Einmal beschädigte Nervenfasern wachsen nicht mehr nach. Eine sichere Therapie, die die Schäden reparieren könnte, gibt es nicht.

Seit vielen Jahren testen Forscher neue Behandlungsansätze. Von der Anwendung am Patienten sind sie oft noch weit entfernt, einige Versuche mit Tieren scheinen jedoch vielversprechend. So sorgte Anfang 2011 eine Studie für Aufsehen, in der Forscher Ratten eine geringe Dosis des Wirkstoffs Paclitaxel ins zuvor verletzte Rückenmark gegeben hatten. Der Stoff wird unter dem Namen Taxol als gängiges Mittel bei der Chemotherapie gegen Brust- und Eierstockkrebs eingesetzt. Die Ratten konnten nach der Behandlung ihre Beine deutlich kontrollierter bewegen.

Nun berichten Forscher über einen weiteren Fortschritt. Mit dem Wirkstoff Epothilon, der in den USA zur Krebsbehandlung zugelassen ist, haben sie die Behandlung vereinfacht. Epothilon ähnelt Paclitaxel, hat aber einen Vorteil. Das Medikament kann die Blut-Hirn-Schranke überwinden - muss also nicht mit einem Katheter in das Rückenmark von Patienten gebracht werden.

Ein solcher Eingriff wäre bei Patienten mit Rückenmarksverletzungen, die sowieso ein schwaches Immunsystem haben, mit einem erhöhten Infektionsrisiko verbunden, erklärten Forscher.

Problem Blut-Hirn-Schranke - Der nun bei Ratten getestete Wirkstoff hat dieses Problem nicht. Er kann beispielsweise in den Bauch gespritzt werden und bringt Nervenfasern im Rückenmark der Tiere ganz ohne riskante OP zum Wachsen, wie Forscher nun im Fachmagazin „Science“ berichten.

Im Wesentlichen gibt es zwei Gründe für die Wachstumsfaulheit verletzter Nervenfasern. Sie vernarben, wodurch sich an der beschädigten Stelle wachstumshemmende Stoffe ansammeln. Außerdem wird das Gerüst der Zellen beschädigt. Um die Wirkung von Epothilon auf die Zellen zu testen, verletzten Bradke und Kollegen Nervenfasern im Rückenmark der Ratten.

In geringen Dosen eingesetzt, wirkt Epothilon vor allem am Gerüst der Zellen, das aus kleinen Proteinröhrchen, den sogenannten Mikrotuboli, besteht, berichten die Forscher. Dort entfaltet es je nach Zelltyp unterschiedliche Wirkung.

Es reduziert die Narbenbildung, indem es den Aufbau der Mikrotuboli in den Zellen stört, die die Narben bilden. Die Zellen können dann nicht mehr aus dem Bindegewebe in die Wunden wandern.

Gleichzeitig unterstützt es den Aufbau des Zellgerüsts in verletzten Nervenzellen und regt so deren Wachstum an.

Im Ergebnis konnten sich die behandelnden Tiere, ähnlich wie nach der Behandlung mit Paclitaxel, deutlich koordinierter bewegten. Als sie über ein waagerechtes Gitter laufen sollten, traten sie seltener daneben oder in Löcher als die unbehandelten Ratten.

Schwierige Reproduzierbarkeit - Unabhängige Forscher halten die Studie für einen wichtigen Schritt, um den Therapieansatz weiterzubringen. Gleichzeitig warnen sie vor zu großer Euphorie. „Von einer Therapie am Menschen sind wir noch sehr weit entfernt“, betonten die Forscher.

Noch muss sich der Ansatz grundsätzlich bewähren. Im November 2014 versuchten Forscher um Phillip Popovich von der Ohio State University die Paclitaxel-Studie von Bradke und Kollegen zu wiederholen. Das gelang in Teilen. Die Forscher bestätigten, dass der Stoff die Narbenbildung reduziert, das Wachstum der Nervenfasern wurde in ihrem Versuch aber nicht angeregt. Die Ratten konnten nach der Behandlung also nicht besser laufen.

Studien zu experimentellen Therapien bei Verletzungen im Rückenmark können häufig gar nicht reproduziert werden, zeigt ein Übersichtsartikel. Das liege unter anderem daran, dass die Experimente sehr kompliziert und fehleranfällig seien, erklären die Forscher. Die teilweise Bestätigung der Taxol-Studie sei deshalb ein gutes Signal dafür, dass man auf dem richtigen Weg sei.

Im nächsten Schritt wollen die Forscher klären, ob der neu getestete Stoff Epothilon in Ratten auch bei größeren Rückenmarksverletzungen anschlägt. Dann muss die Technik in weiteren Tiermodellen getestet werden. Erst wenn all diese Versuche positiv verlaufen und ihre Ergebnisse reproduziert werden können, können Tests an Patienten stattfinden.

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