Mutationen des Schreckens
Baku, den 23. Juni (AZERTAG). Das Vogelgrippevirus H5N1 ist höchst gefährlich, doch zum Glück verbreitet es sich nicht von Mensch zu Mensch - bisher. Ein Tierversuch zeigt aber, dass dies nach nur wenigen Mutationen möglich wäre. Nach langer Diskussion hat das Wissenschaftsmagazin „Science“ die Daten veröffentlicht.
Dass das Vogelgrippevirus H5N1 eine weltweite schwere Grippewelle auslösen könnte, fürchten Experten seit Jahren. Die dokumentierten Krankheitsfälle zeigen, dass die von diesem Erreger ausgelöste Grippe oft tödlich endet - wobei nicht ganz unumstritten ist, wie oft dies passiert. Das Glück: Von Mensch zu Mensch verbreiten sich H5N1-Viren bislang nicht. Die Betroffenen haben sich in aller Regel direkt bei infizierten Vögeln angesteckt.
Doch die zirkulierenden Viren sind nicht weit davon entfernt, auch unter Säugetieren übertragbar zu sein - das zeigen Laborexperimente. Ein Team um den niederländischen Forscher Ron Fouchier am Erasmus Medical Centre in Rotterdam infizierte Frettchen mit H5N1-Viren; die Tiere werden seit vielen Jahren als Modell für die menschliche Grippe im Labor genutzt.
Fouchier und seine Kollegen stellten fest, dass lediglich fünf Mutationen ausreichten, damit H5N1-Viren per Tröpfcheninfektion von einem Frettchen in einem Käfig zu einem Tier in einem anderen wandern konnten. Die so angesteckten Frettchen starben nicht an der Grippe - dennoch zeigt das Experiment das Gefahrenpotential von H5N1. Denn fünf einzelne Erbgutveränderungen sind für ein schnell mutierendes Virus nicht viel.
Nutzen größer als die Risiken - Ihren Fachartikel über die Experimente hatten die Forscher schon vergangenes Jahr beim Wissenschaftsmagazin „Science“ eingereicht. Doch es entbrannte eine Debatte, ob man die Daten überhaupt veröffentlichen solle - und falls ja, in welcher Form. Fachleute fürchteten, Bioterroristen damit eine neue Waffe in die Hand zu geben.
Letztendlich entschied man sich für die Veröffentlichung sämtlicher Daten. Der Nutzen, den ein besseres Verständnis der Grippeviren mit sich bringt, übersteigt das Risiko, dass diese Informationen missbraucht werden, meinen Experten, wie der Chef des National Institute of Allergy and Infectious Diseases der USA, Anthony Fauci.
Anfang Mai ist in „Nature“ ein Artikel über ein ähnliches Experiment einer japanisch-amerikanischen Forschergruppe erschienen. Nun ist auch Fouchiers Arbeit öffentlich.
Sie liefert tatsächlich neue Anhaltspunkte für die Forschung. Das Team habe bis dahin unbekannte Mutationen identifiziert, die jetzt mit der Tröpfcheninfektion zwischen Säugetieren in Verbindung gebracht werden können, erklärte der niederländische Virologe. Das liefere eine Basis für kommende Experimente, die klären könnten, wie Grippe-Erreger es schaffen, sich über die Luft zu verbreiten.