Naturgewalten sind unberechenbar und unvorhersehbar
Rom, den 23.Oktober (AZERTAG). Ein Gericht in Italien hat sieben Forscher zu Haftstrafen verurteilt. Der Vorwurf: Sie hätten die Möglichkeit eines starken Bebens falsch eingeschätzt. Bei dem Erdbeben im April 2009 waren 309 Menschen ums Leben gekommen.
Sie hätten nicht ausreichend vor den Erdstößen gewarnt, die am 4. April vor drei Jahren 309 Menschen in L'Aquila töteten und Teile der Stadt in Schutt und Asche legten.
Sie trifft die Schuld, dass die Menschen nicht flohen, sagt das Gericht. Verharmlost hätten die Forscher die Anzeichen. Täglich hatte es vor der Katastrophe Beben in der Region Abruzzen gegeben, die schließlich Ende März 2009 auch für die Bewohner spürbar wurden. Waren dies denn keine untrüglichen Vorboten?
Die Antwort lautet Nein. Ob Wetter oder Erdgrollen: Naturgewalten sind unberechenbar und unvorhersehbar - zumindest in ihrem exakten Ausmaß und in ihrer Kurzfristigkeit. Darin sind sich Wissenschaftler weltweit einig.
Entsprechend absurd ist der Richterspruch. Nach dieser Logik könnte man tagtäglich Meteorologen verurteilen, wenn sie Sonnenschein, Hagel oder Schnee nicht richtig vorhersagen. Und dabei lässt sich das Wetter im Vergleich zu Erdbeben sogar noch recht genau prognostizieren.
Wie soll aber vor etwas gewarnt werden, auf dessen Eintritt zu wetten weit riskanter ist als beim Münzwurf auf Zahl zu setzen?
Das Urteil von L'Aquila hilft nicht, die Tragödie ungeschehen zu machen, die neben Leben auch die Wohnungen von rund 50.000 Menschen zerstörten. Das Leid der Hinterbliebenen und Betroffenen ist groß, die Suche nach einem Schuldigen nur allzu menschlich. Doch die Wissenschaftler für ihr Unwissen zu bestrafen, ist der falsche Weg.
Der Richterspruch zeigt, dass Justiz und Wissenschaft inkompatible Systeme sind. Wer sich als Forscher künftig zur Erdbebengefahr äußert und das Dilemma vorträgt, "Man wisse nur, dass man nichts weiß", der muss mit einem Strafprozess rechnen, wenn der Boden torkelt und Städte verwüstet.
Seismologen werden sich künftig hüten, Einschätzungen zu geben. Und das in einem Land, in dessen Untergrund sich drei Platten verhaken. Da schiebt sich die afrikanische gegen die europäische und unter der Po-Ebene keilt die adriatische Scholle hinein. Ganz zu schweigen von der Gefahr, die vor den Toren der Millionenstadt Neapel rund 1.300 Meter gen Himmel ragt: ein aktiver Vulkan, der Vesuv.
Das Urteil von L'Aquila ist nicht nur absurd. Es lässt vergessen, nach denen zu fahnden, die tatsächlich einen Teil der Schuld tragen. Schließlich weiß jeder, dass Italien Erdbebengebiet ist. Seit Jahren leuchten Regionen auf Erdbebenkarten bis hinein ins Rötliche, in denen verheerende Beben seit Jahrhunderten immer wieder auftreten.
Längst ist möglich, was seit Jahrzehnten in Städten wie L'Aquila versäumt wird: Häuser und Gebäude zu errichten, die selbst starken Erdstößen standhalten. Doch das ist teuer.
Zu keinem Zeitpunkt aber wurde behauptet, dass ein starkes Beben auszuschließen wäre. Ob das Urteil in der nächsten Instanz noch aufgehoben wird, ist ungewiss.