Ozeanbeulen bedrohen Küstenstädte
Baku, den 27. September (AZERTAG). Satelliten offenbaren rätselhafte Veränderungen der Weltmeere. Das Wasser verteilt sich ungleichmäßig. Mancherorts schwillt es zu Beulen, anderswo fällt der Meeresspiegel - Dellen entstehen. An welchen Gestaden kann man sich sicher fühlen, wo steigen die Pegel gefährlich?
Fast 150 Millionen Menschen, die weniger als einen Meter über dem Meeresspiegel leben, werden die Karte mit Bangen zur Kenntnis nehmen. Ein neuer Atlas zeigt den Anstieg der Weltmeere seit 1993. Stetig schwellen die Fluten demnach an, in den vergangenen 20 Jahren im globalen Durchschnitt um gut drei Millimeter pro Jahr, berichten Wissenschaftler nun auf Tagungen in Potsdam und Venedig, wo sie neueste Daten zum Meeresspiegel präsentieren. Setzte sich der Trend fort, stünde das Wasser in 100 Jahren 30 Zentimeter höher.
In den vergangenen Jahren habe sich der Anstieg zwar leicht verlangsamt, sagt Jürgen Kusche, Experte für Fernerkundung an der Universität Bonn. Doch das Wasser verteilt sich ganz unterschiedlich in den Meeren: Mancherorts steigt es dreimal schneller, anderswo fällt sogar der Meeresspiegel. Die regionalen Unterschiede entscheiden letztlich darüber, wie viel Steuergeld Staaten in den Küstenschutz pumpen müssen.
Seit 1992 messen Satelliten den Meeresspiegel, mit Radarwellen ertasten sie die Höhe des Wassers. Die neuesten Daten, die nun auf den Tagungen vorgestellt wurden, zeigen den Ozean vor Südostasien in dramatischem Krebsrot: Dort schwoll das Wasser seit 1993 örtlich mehr als einen Zentimeter pro Jahr - vor den Philippinen beispielsweise steht es 20 Zentimeter höher als vor 19 Jahren. Zahlreiche Großstädte wie etwa Manila werden nun von höheren Fluten bedroht.
Alaska verliert an Anziehungskraft-Vermutlich wirke sich dort das Wetterphänomen El Niño aus, meinen Experten. Alle paar Jahre heizt sich der tropische Pazifik um ein paar Grad auf - die Wärme dehnt das Meer. Der Effekt erhalte sich teilweise nach Abflauen eines El Niños, sagt Kusche. Zum Untergang verdammt scheinen die Anwohner aber nicht unbedingt. Strömungen könnten sich verlagern, der Trend müsse also nicht bestehen bleiben, sagt Steven Nerem von der University of Colorado in den USA.
Aus diesem Grund sollten sich auch die Küstenbewohner von Kalifornien bis Chile nicht sicher fühlen. An deren Gestaden zog sich das Meer zwar in den vergangenen 20 Jahren zurück; der Pegel fiel mancherorts gar um 20 Zentimeter. In San Francisco etwa hat sich die Gefahr schwerer Fluten damit verringert. „Die Entwicklung der Zukunft lässt sich daraus aber nicht ableiten“, sagt Kusche.
In Alaska hingegen kann man vermutlich entspannter sein. Auch dort sackt der Meeresspiegel ab - doch dort könnte der Trend bestehen bleiben. Ursache sei wohl ausgerechnet das Tauen der Gletscher im nördlichsten Bundesstaat der USA, berichtet Kusche. Zwar verteile sich das Schmelzwasser im Meer, das folglich ansteige. In Alaska jedoch überwiegt offenbar ein anderer Effekt. Weil die Gletscher schwinden, verliert das Land Masse - und damit nach dem Gesetz der Schwerkraft an Anziehungskraft. Folglich sammelt sich weniger Wasser vor der Küste Alaskas.