Özil machte sein bestes Spiel bei dieser EM
Baku, den 23. Juni (AZERTAG). Dortmund zahlte 17,5 Millionen Euro für ihn, doch im Nationalteam saß Marco Reus nur auf der Bank. Gestern durfte er ran - und ergänzte, was dem deutschen Spiel fehlte.
Am Ende, als alle schon im Bus saßen, der Motor dröhnte, stand Marco Reus immer noch da, er wollte gar nicht weg. Die Journalisten hingen über der Absperrung, die zwischen ihnen und Reus stand, sodass man fürchtete, sie könnte kippen und den schmalen Spieler unter einem Reporterpulk begraben. Marco Reus genoss es. Er hatte gespielt, für die Nationalmannschaft, zum ersten Mal bei einer EM, und sein zweites Länderspieltor geschossen. „Meine Leistung müssen andere beurteilen“, sagte er bescheiden, eine Fußballer-Floskel, die sich leicht daher sagt, wenn vollkommen klar ist, wie diese Beurteilung ausfällt: Reus, so die einhellige Meinung, war die Belebung, die dem deutschen Spiel in der Vorrunde ab und an gefehlt hatte.
Bislang gehörte Marco Reus zur letzten Kategorie. Er hatte ja nie gespielt und als junger, international unerfahrener Spieler auch keinen Anspruch auf einen Einsatz. Seit gestern Abend ist das anders. Joachim Löw hatte seine Mannschaft offensiv neu geordnet, mit Schürrle und Klose hatte Reus überraschend in der ersten Elf gestanden, und er zeigte von Anfang an, dass der Nationaltrainer genau richtig gelegen hatte. Reus bot sich an für das schnelle Kombinationsspiel, mit der die deutsche Mannschaft die Griechen knacken wollte. Er suchte und fand Lücken, wechselte immer wieder mit Mesut Özil die Position, um Unruhe in die griechische Abwehr zu bringen. Özil machte sein bestes Spiel bei dieser EM, was auch daran lag, dass das Zusammenspiel mit Reus offensiv viel besser klappte als mit Thomas Müller.
„Mesut ist in Deutschland geboren, hat mehr für Deutschland getan und auch für die Integration anderer Menschen als viele andere. Mesut ist ein wunderbarer Junge, der seinen Teil dazu beigetragen hat, dass dieses Bild des modernen Deutschland nach außen getragen wurde“, betonte sein Vater Mustafa Özil. Mesut Özil hatte schon in den Juniorenteams für den DFB gespielt und trotz Abwerbebemühungen der Türkei 2009 sein Nationalmannschafts-Debüt für Deutschland gegeben.
Eine Szene Mitte der ersten Halbzeit, die die Flexibilität und das Zusammenspiel im deutschen Angriff kennzeichnete: Reus ließ sich zentral vor der Abwehr anspielen, vollzog mit Klose, der links auswich, einen Doppelpass in den Strafraum. Dann täuschte Reus einen Schuss an, legte aber quer auf Özil, der über halbrechts nachstieß und freie Schussbahn hatte. Zu dritt führten sie fünf griechische Abwehrspieler an der Nase herum, mit Reus als Spielmacher.
Nur die Chancenverwertung der deutschen Offensive hätte besser sein können, allein Reus agierte nach 20 Minuten dreimal zu unkonzentriert und vergab die Führung. Vielleicht war er da, am Anfang, doch etwas nervös: „Ich wollte unbedingt Gas geben“, sagte er nach dem Spiel, „ich hatte diesem Tag entgegengefiebert“.
Marco Reus ist vor Kurzem 23 Jahre alt geworden, und dieses vergangene 23. Lebensjahr muss ihm fast wie ein irrer Traum vorkommen. Mit seinem Klub Mönchengladbach, der sich so gerade vor dem Abstieg gerettet hatte, schlug er gleich am ersten Spieltag den FC Bayern, Gladbach hielt sich die ganze Saison lang so weit oben in der Tabelle, dass den Fans schwindlig wurde. Reus steht für den Gladbacher Fußball, der in dieser Saison eigentlich alle überraschte und begeisterte: schnell, schlau, frech. 17,5 Millionen Euro überwies Borussia Dortmund den Gladbachern, in der kommenden Saison wird er für den deutschen Meister spielen.