Schelfeis der Antarktis schmilzt von unten
Baku, den 14. Juni (AZERTAG). Wie schnell verliert die Antarktis ihr Eis? Forscher machten nun eine überraschende Entdeckung. Dem Südkontinent geht weniger Eis durch Abbrechen verloren als angenommen. Vor allem mildes Ozeanwasser lässt das Schelfeis schwinden.
Das Schelfeis um die Antarktis schmilzt von unten stärker ab als an den Rändern. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von US-amerikanischen Geowissenschaftlern. Besonders überraschend sei, dass die gewaltigen Eisplatten wie das Ross-Schelfeis nur einen kleinen Bruchteil zu dem Eisverlust beitragen. Die in der Zeitschrift „Science“ veröffentlichte Studie sagt allerdings nichts darüber aus, ob das Antarktis-Eis insgesamt wächst oder schrumpft.
Auf dem Antarktischen Eisschild liegen die weitaus größten Eismassen der Erde. Ein komplettes Abschmelzen würde den Meeresspiegel um 58 Meter steigen lassen. Am Rand des Kontinents münden die Gletscher des Eisschilds in die auf dem Wasser treibenden Schelfeis-Gebiete. Diese sind mit einer Größe von mehr als 1,5 Millionen Quadratkilometern - elf Prozent der Antarktis - mit der Fläche des Grönland-Eisschilds vergleichbar.
Das Schelfeis verliert Masse durch das Kalben von Eisbergen und - so dachte man bisher - in geringerem Maße auch durch das sogenannte basale Abschmelzen von unten, bedingt durch wärmeres Meerwasser.
Die Forscher um Eric Rignot von der University of California in Irvine kalkulierten nun die Schmelzraten mit verschiedenen Verfahren, unter anderem per Radar, Ultraschall, Höhenmessungen und mit atmosphärischen Modellen. Überraschendes Resultat: 55 Prozent des Eisverlusts oder jährlich 1325 Gigatonnen gehen demnach auf das Konto des basalen Schmelzens, nur 45 Prozent, pro Jahr 1089 Gigatonnen, gehen dagegen durch das Kalben verloren.
Warmer Südost-Pazifik - Zu diesem Masseverlust tragen die riesigen Ross-, Filchner- und Ronne-Eisschelfe, die zusammen fast zwei Drittel des Schelfeises stellen, überraschenderweise nur 15 Prozent bei. Fast die Hälfte stammt dagegen im warmen Südost-Pazifik von zehn kleinen Eisschelfen, die nur acht Prozent der Fläche ausmachen.
Eine Gesamt-Eisbilanz erstellen die Forscher nicht - abgesehen von dem Hinweis, dass manche Gebiete ihr Gleichgewicht halten, andere wachsen und wieder andere schrumpfen. „Die Eisschelfe entlang der südöstlichen Pazifikküste, die empfindlich auf die Erwärmung des Ozeans und die Strömungsverhältnisse reagieren, dünnen aus und verlieren schnell an Masse“, schreiben die Forscher.
Für Hartmut Hellmer vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven belegt die Studie zum ersten Mal, „dass die basale Schmelze den Verlust durch Kalben übersteigt. Dies zeigt die Bedeutung des Ozeans für den Eisverlust der Antarktis“, sagt der Ozeanograph. Überraschend sei zudem, dass die kleinen Schelfeise in der Ostantarktis eine so große Rolle spielten. „Momentan fallen die großen Schelfeise nicht ins Gewicht, weil sie nicht von warmen Wassermassen unterspült werden.“