Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Schwämme entpuppen sich als Klimawandel-Gewinner

Baku, den 12. Juli (AZERTAG). 10.000 Jahre und älter sollen Glasschwämme werden. Verändert sich das Klima, bekommen sie Probleme - dachte man. Doch in der Antarktis zeigt sich gerade das Gegenteil. Nach dem Schmelzen von Schelfeis vermehren sich die Exoten.

In den Tiefen der Schelf-Bereiche um den antarktischen Kontinent leben Meeresbewohner, denen das Schwinden des Eises offenbar gefällt. Seitdem im Wedellmeer ein Hunderte Meter dicker Eispanzer weggebrochen ist, vermehren sich die antarktischen Glasschwämme dort fast explosionsartig. Zwischen den Jahren 2007 und 2011 habe sich die Zahl der Tiere verdreifacht, berichten Biologen um Claudio Richter und Laura Fillinger vom Alfred-Wegener-Institut (Awi) in Bremerhaven jetzt im Fachblatt „Current Biology“.

„Dass nach dem Wegbrechen des Larsen-Schelfeises im Jahr 1995 eine Veränderung der Lebewelt am Meeresboden einsetzen würde, war an und für sich nicht überraschend. Sehr wohl aber das Tempo der Veränderungen“. Dass die Glasschwämme so schnell auf die klimabedingten Veränderungen ihrer Umwelt reagiert haben, erstaunt die Experten.

Konkurrenten verdrängt - Denn bislang dachten Forscher, dass sich antarktische Gemeinschaften aufgrund des sporadischen Futterangebots und den kalten Wassertemperaturen von minus zwei Grad Celsius - das Salzwasser gefriert nicht bei null Grad - nur langsam verändern. Die mutmaßlich langlebigen antarktischen Glasschwämme (Hexactinellida) gelten sogar als besonders träge Urtiere des Südpolarmeeres. Sie gehören zu den ältesten mehrzelligen Lebewesen. Einige Biologen gehen davon aus, die Tiere würden so langsam wachsen, dass zwei Meter große Exemplare 10.000 Jahre und älter sein müssten. „Im Larsen-Gebiet fanden wir just das Gegenteil“, sagt Richter. „Das zeigt, dass diese an extreme Kälte und Nahrungsarmut angepassten Tiere keineswegs auf der Stelle treten.“

Den Wachstumsschub der Glasschwämme konnte das Team während einer Polarstern-Expedition im Jahr 2011 gemeinsam mit Wissenschaftlern von der Universität Göteborg und dem Forschungsinstitut Senckenberg beobachten. Mit einem ferngesteuerten Unterwasserroboter erkundeten sie den Meeresgrund in 140 Meter Tiefe und erlebten eine Überraschung. Innerhalb von vier Jahren hatten sich die Glasschwämme unter deutlich mehr Lichteinfall rasant vermehrt und sogar Konkurrenten verdrängt. „Wo auf einer früheren Expedition im Jahr 2007 sehr viele Seescheiden und nur vereinzelte Glasschwämme zu sehen waren, fanden wir keine Seescheiden mehr“, sagt Fillinger. Stattdessen entdeckten die Forscher besonders viele Baby-Glasschwämme.

Profiteure des Klimawandels? - Vermutlich profitieren die Tiere davon, dass durch den vermehrten Lichteinfall in den oberen Meeresschichten nun mehr Plankton wächst, das später als Nahrung zu Boden rieselt.

Doch ob die Tiere tatsächlich langfristig zu den Nutznießern des Klimawandels gehören, ist noch unklar. „Das ist schwer zu prognostizieren, da es zu viele Unbekannte gibt“, sagt Richter. Es könne sein, dass sich die Schwämme in den kommenden Jahren weiter vermehren. Genauso wahrscheinlich sei aber auch, dass andere Konkurrenten im Kampf um die besten Plätze die Oberhand gewinnen oder gefräßige Räuber den Glasschwämmen vermehrt gefährlich werden. Schnecken oder Seesterne etwa könnten Hexactinellida wieder in die Schranken weisen.

Im Dezember werden die Wissenschaftler erneut in die Antarktis aufbrechen. Sie wollen die Ökologie der Glasschwämme weiter erforschen. Was genau fressen sie? Welche Rolle spielen sie im Stoffhaushalt des Südpolarmeeres? „Diese Fragen sind von großer Bedeutung, um die Reaktion dieser Tiere auf die dramatischen Veränderungen der antarktischen Umwelt besser abschätzen zu können“, so Fillinger. Das sei wichtig, da Glasschwämme ähnlich wie Korallen eigene Lebensräume bilden. Ihre Körper sind zum Beispiel perfekte Versteck-, Laich- und Rückzugsorte für Fische, Wirbellose und andere Meeresbewohner. Damit spielen sie eine bedeutende Rolle für das gesamte Ökosystem.

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