Sternenkolosse verschlingen Nachbarn
Baku, den 28. Juli (AZERTAG). Sie haben mindestens die 15fache Masse der Sonne, leuchten eine Million Mal kräftiger - und sind verdammt schlechte Nachbarn: Die hellsten Sterne im Universum, sogenannte O-Sterne, saugen ihre Begleiter aus.
Bislang glaubten Astronomen, dass die hellsten Sterne im Universum eher Einzelgänger sind. Doch weit gefehlt: Drei Viertel der Sternriesen sind im Doppelpack unterwegs. Die Nachbarschaft verläuft häufig äußerst turbulent. In 40 bis 50 Prozent der Fälle kommt sich das Gespann so nahe, dass der Riesenstern seinem Begleiter Materie absaugt.
Bei einem Drittel der Gespanne verleibt sich der Riese seinen kleineren Partner sogar ganz ein und verschmilzt mit ihm, berichtet ein internationales Forscherteam im Fachmagazin „Science“. Für ihre Untersuchung hatten die Wissenschaftler die sogenannten O-Sterne beobachtet. Nur ein kleiner Teil der stellaren Riesen entwickelt sich demnach einzeln und ungestört bis zu seinem Ende als Supernova.
„Diese Sterne sind absolute Monster“, erklärt der Erstautor der Studie Hugues Sana von der Universität Amsterdam in den Niederlanden. O-Sterne seien die hellsten und kurzlebigsten Sterne im Universum. Sie hätten mindestens die 15fache Masse der Sonne und bis zu einer Million Mal mehr Leuchtkraft. Auf den Sternen herrschen mehr 30.000 Grad Celsius, durch die Hitze strahlen sie in einem sehr hellen blau-weißen Licht.
Mächtige Riesen: Strahlung kann ganze Galaxien beeinflussen-Bisher war man der Ansicht, dass massereiche Doppelsterne mit engen Umlaufbahnen und intensiven Wechselwirkungen die absoluten Ausnahmefälle sind. Die neue Studie rücke dieses vereinfachte Bild vom Universum zurecht, sagen die Forscher. Für die Untersuchung hatten die Astronomen 71 Sternriesen und Doppelsterne in sechs nahe gelegenen, jungen galaktischen Sternhaufen untersucht und Beobachtungsdaten des Very Large Telescope der Europäischen Südsternwarte in Chile aus mehr als zehn Jahren analysiert.
Die neuen Erkenntnisse können dazu beitragen, die Beobachtung und das Verständnis ferner Galaxien zu verbessern, berichten die Astronomen. Sowohl das Verschmelzen als auch das Absaugen von Materie mache die beteiligten Partner heißer und blauer. Dadurch ähnele ihr Erscheinungsbild dem viel jüngerer Sterne. Ganze Sternpopulationen weit entfernter Galaxien könnten infolgedessen viel jünger erscheinen, als sie eigentlich sind. Wer ferne Galaxien verstehen wolle, müsse daher die tatsächliche Häufigkeit von wechselwirkenden massereichen Doppelsternen kennen.
O-Sterne sind im heutigen Universum vergleichsweise selten, durch ihre besonderen Eigenschaften prägen sie jedoch ihre gesamte Umwelt und den Werdegang ganzer Galaxien, berichten die Forscher. Die intensive Strahlung und die starken Sternwinde der Sternriesen heizten Gaswolken in der Umgebung auf, ihr Einfluss könne die Sternenbildung in Galaxien sowohl anregen als auch verhindern. Ein großer Teil aller schweren Elemente im Universum stamme zudem aus den Supernova-Explosionen, mit denen die Sternenriesen ihren Lebenszyklus beenden. Einige der Sternkolosse stecken vermutlich sogar hinter Gammastrahlenausbrüchen - den energiereichsten Explosionen im gesamten Kosmos.