Tunesiens Zukunft wird auf der Straße entschieden
Baku, den 15. Januar (AZERTAG). Die Wut der Bevölkerung hat den Präsidenten aus dem Land getrieben. Doch ein Ende der Proteste ist nicht abzusehen.
Auf den Straßen von Tunis sind vereinzelt Schüsse zu hören, dazu der dumpfe Knall von abgeschossenen Tränengaspatronen und der Lärm von Hubschraubern.
Das Militär patrouilliert die Straßen der Hauptstadt. Ahmed Brahim, der Vorsitzende der „Bewegung für Erneuerung“, sitzt an diesem Freitag noch spätabends im Parteibüro im Zentrum von Tunis. Er wirkt sichtlich mitgenommen, fassungslos und siegestrunken zugleich.
Wie auch all seine Kollegen, die hier mit ihm ausharren und denen es völlig egal ist, dass sie angesichts der Ausgangssperre frühestens um sieben Uhr morgens nach Hause gehen können. Schließlich ist heute ein historischer Tag: Präsident Zine al-Abidine Ben Ali hat das Land verlassen.
„Eine 24-jährige repressive Ära ist damit zu Ende gegangen“, meint Ahmed Brahim, dessen Oppositionspartei mit drei Abgeordneten im Parlament vertreten ist. „Wir haben das zwar immer erhofft, aber wirklich daran geglaubt, dass es dies möglich sei, haben wir nicht“. Ein Gefühl, das er sich wohl mit allen anderen Tunesiern teilt. Denn Diktatoren fallen nicht alle Tage. Schon gar nicht in arabischen Ländern, in denen Präsidenten, Emire und Könige, in Libyen, Marokko, Ägypten, Katar oder Saudi-Arabien auf Lebenszeit regieren.
Der tunesische Präsident Ben Ali, der 1987 das Amt von seinem kranken Vorgänger, Habib Bourguiba, übernahm, hatte den gleichen Wunsch. Er wollte die Verfassung ändern lassen, um auch als 78-Jähriger 2014 noch einmal als Präsident kandieren und gewinnen zu können. Wie schon bei seinen vorangegangen Wiederwahlen mit überwältigender Mehrheit von 89 Prozent und mehr der Stimmen.
Nur ein 26-jähriger, arbeitsloser Akademiker machte dem großen Ben Ali einen Strich durch die Rechnung. Am 17. Dezember letzten Jahres übergoss sich Mohammed Bouazizi in einer vergessenen Kleinstadt namens Sidi Bouzid mit Benzin und zündete sich an.
Ein Verzweiflungsakt, der eine landesweite Protestwelle losschlug, die vergangne Woche die Hauptstadt Tunis erreichte und einen Präsidenten in die Knie zwang, dessen Macht auf einen allgegenwärtigen wie brutalen Sicherheitsapparat basierte. Den Tränen nahe entschuldigte sich Ben Ali im Fernsehen bei seinen Landsleuten, versprach größere Freiheiten, aber alles kam viel zu spät. Die Revolte war nicht mehr aufzuhalten. „Die Proteste ereigneten sich im ganzen Land spontan“, erklärt Ahmed Brahim, „aber sie wurden auch organisiert. Unsere Partei und andere Oppositionsgruppen war daran aktiv beteiligt“.