Vierfach-Inferno am Ende der Welt
Baku, den 30. Januar (AZERTAG). In Kamtschatka, einer der abgelegensten Landschaften der Erde, ereignet sich derzeit ein spektakuläres Naturschauspiel. Vier benachbarte Vulkane speien gleichzeitig Asche und Lava. Rauchsäulen und rote Glutströme lodern aus der bergigen Einöde im äußersten Osten Russlands.
Ein einziger Überflug genügte dem Nasa-Satelliten „Terra“, um die vier Ausbrüche zu fotografieren - so eng liegen die Vulkane beieinander. Ein Filmteam wagte sich im Hubschrauber sogar ganz nahe dran an die Show in der Wildnis. Es filmte den Ausbruch des Tolbatschik, in dessen Krater nun ein Lavasee schwappt; lange Glutströme fließen den Berg hinab. Das faszinierende 360-Grad-Video von Airpano.com und Kameramann Dmtrij Moiseenko zeigt das Spektakel aus allen Perspektiven (siehe unten).
Wie kam es zu der sonderbaren Gruppeneruption? Die vier Vulkane liegen in einem geologischen Brennpunkt, unter Kamtschatka kollidieren gleich drei Erdplatten - sie entfachen das vulkanische Höllenfeuer. Der Meeresboden des Pazifiks quetscht sich von Osten her unter den Kontinent; von Norden taucht die Arktische Platte in die Kollisionszone.
Der interkontinentale Crash lässt Magma aufsteigen. Unter dem Druck der Tiefe verlieren die gigantischen Felspakete ihre wasserhaltigen Minerale - das Wasser quillt aufwärts, weiter oben erzeugt es Magma: Wie Streusalz Eis tauen kann, erweicht Wasser Gestein - der Schmelzpunkt der Minerale sinkt, sie verflüssigen sich. Die zähe Gesteinsmasse steigt auf, sie speist die Vulkane Kamtschatkas.
Zwei parallele Gebirgsketten, die die Halbinsel von Nord nach Süd durchziehen, zeugen von den tektonischen Urkräften. Die äußere an der Küste besteht aus rund 30 aktiven Vulkanen, die gut 3000 Meter aufragen. Im inneren Gebirge staffeln sich Dutzende erloschene Vulkanen; sie waren vor Jahrmillionen aktiv, bevor die Bewegung der Erdplatten sie außer Reichweite des Magmas befördert hat.
Der Tolbatschik - eigentlich ein gutmütiger Riese- Mehrere Gipfel wölben sich auf dem Vulkan, aus dem Ploski strömt die Lava. Ein weiteres Massiv krachte bei einer Eruption vor 6500 Jahren zusammen. Der Tolbatschik gilt als gutmütiger Riese: Im Gegensatz zu seinen Nachbarn fördert er wässrige Lava. Ähnlich wie bei den Vulkanen auf Hawaii fließt die heiße Masse meist gemächlich die Flanken hinab, anstatt kilometerhoch zu eruptieren. Lediglich manch kleinere Fontänen zeugen von Explosionen.
Seit dem 27. November ist es wieder so weit. Eine neue Spalte hatte sich geöffnet, aus ihr strömt wieder Lava; ein See geschmolzenen Gesteins schwappt nun im Krater. Das 360-Grad-Video des russischen Filmteams zeigt das Spektakel in unerreichter Deutlichkeit: Glutspritzer schießen aus dem Berg; Lavaflüsse reichen mittlerweile fast 20 Kilometer die Flanken hinab. Die tausend Grad heiße Masse brennt sich ihren Weg durch schneebedeckten Fels. Die Lava glüht nachts - ein Zeichen dafür, dass stetig weiter frischer Nachschub aus der Tiefe quillt.
Der nördlichste Vulkan Kamtschatkas ist der wildeste: Sein zähes Magma verklebt gewöhnlich den Schlot, es erkaltet und bildet quasi einen Felskorken, einen sogenannten Dom. Er verstopft den Vulkan - bis der Gasdruck im Innern übermächtig wird und der Schiwelutsch explodiert.
Vor vier Jahren sprengte die geologische Urgewalt den letzten Dom, seither schießen immer wieder kilometerhohe Aschewolken hervor. Sensoren meldeten andauernde Beben im Berg, berichtet GFZ-Forscher Birger Lühr. Das Wummern kündigt Magmanachschub an - beim Aufstieg aus der Tiefe spaltet das Magma den Untergrund.
Der Schiwelutsch kann aber auch ganz anders: Aschespuren 60 großer Eruptionen des Vulkans aus den vergangenen 10.000 Jahren haben Geoforscher in Bodenschichten Kamtschatkas kartiert. Bedroht von solchen Ereignissen wären nicht nur Flugzeuge, die die Region kreuzen. Vor allem die 45 Kilometer entfernte Ortschaft Kljuchi müsste mit heftigen Ascheregen rechnen.