Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Bei Arthritis sind nachweislich ein Ziel des Immunsystems

Baku, 6. Juni, AZERTAC

Eine perfide Krankheit - die Körperabwehr attackiert die eigenen Gelenke. Ein neuer Therapieansatz soll das Immunsystem dazu bringen, den Dauerangriff einzustellen.

Mehrere Gelenke schwellen an, sind steif, warm und schmerzen. Das sind typische Symptome einer rheumatoiden Arthritis. Oft trifft es die Fingergelenke an beiden Händen, doch fast alle Gelenke können bei der umgangssprachlich als Rheuma bezeichneten Krankheit Beschwerden bereiten - von der Schulter bis zu den Zehen.

Durch die andauernde Entzündung können die Gelenke sich mit der Zeit verformen und versteifen, zusätzlich kann die Kraft schwinden. Bewegungen, die Fingerfertigkeit erfordern, werden dann schwierig bis unmöglich. Zusätzlich leiden viele Betroffene unter grippeähnlichen Symptomen, sie sind müde und erschöpft.

Schätzungen zufolge haben etwa 800.000 Menschen in Deutschland eine rheumatoide Arthritis, Frauen trifft es häufiger als Männer und im Alter steigt das Risiko für die Krankheit.

Zwar gibt es verschiedene Medikamente, die das Fortschreiten der Krankheit aufhalten können, doch sie müssen dauerhaft eingenommen werden.

Ein internationales Forscherteam hat jetzt einen anderen Ansatz vorgestellt, der das aus der Balance geratene Immunsystem wieder grundlegend ins Gleichgewicht bringen soll. Ob die Methode, die jetzt erstmals in einer kleinen Studie mit 34 Patienten erprobt wurde, diese große Hoffnung erfüllt, muss sich jedoch erst in größeren Untersuchungen zeigen.

Die typischen Rheuma-Beschwerden entstehen, weil das Immunsystem permanent körpereigene Zellen attackiert. „Im Körper finden zwar ständig solche autoimmunen Angriffe statt“, erklärt Hendrik Schulze-Koops. „In der Regel ist das unproblematisch, weil Kontrollmechanismen greifen, die solche Attacken schnell beenden.“ Bei Autoimmunkrankheiten wie der rheumatoiden Arthritis funktioniert diese Kontrolle jedoch nicht. Die Angriffe, die sonst rechtzeitig eingedämmt werden, finden dann kein Ende. Eigenes Gewebe wird so nach und nach zerstört.

Das Immunsystem soll umlernen - Um die Körperabwehr zu befrieden, will das Team um Ranjeny Thomas von der University of Queensland, Australien, Immunzellen der betroffenen Patienten nutzen. Schließlich gibt es auch in ihrem Körper jenen Zelltyp, der den Dauerangriff stoppen könnte. Konkret entnahmen sie den Patienten Blut, isolierten daraus sogenannte dendritische Zellen. Diese spielen eine wichtige Rolle im Immunsystem, weil sie schädliche Eindringlinge erkennen und ein Angriff einleiten können.

Den entnommenen Zellen brachten die Forscher dann bei, dass einige körpereigene Strukturen, die bei Arthritis nachweislich ein Ziel des Immunsystems sind, als harmlos gelten sollen. Anschließend spritzten sie den Patienten diese Zellen wieder ins Blut. Die Hoffnung war dann, dass die Zellen ihr im Labor eingetrichtertes Wissen im Körper verbreiten.

18 Patienten erhielten ihre so manipulierten Zellen, 16 dienten als Kontrollgruppe, wie die Forscher im Fachblatt „Science Translational Medicine“ berichten. Schwere Nebenwirkungen traten nicht auf - für genaue Informationen über mögliche Nebenwirkungen ist die Studie zu klein, sie konnte nur zeigen, dass die Methode grundsätzlich sicher ist.

Auch über den möglichen Nutzen der Therapie können die Forscher noch wenig sagen. Die teilnehmenden Patienten litten nicht unter akuten, schweren Entzündungen aufgrund ihrer Arthritis. Und die Feststellung, dass es den mit der neuen Methode behandelten Probanden nach einem Monat etwas besser ging als der Kontrollgruppe ist bei der kleinen Anzahl der Teilnehmer auch mit Vorsicht zu genießen.

Aber: „Es ist ein hochinteressanter und intelligenter Ansatz“, sagt der Münchner Mediziner Schulze-Koops. „Bisher können wir nur die Entzündungsreaktion unterdrücken. Falls die Methode tatsächlich funktioniert, könnte man die Krankheit tatsächlich heilen.“

Bis dahin stellen sich jedoch einige Fragen: Reicht es tatsächlich, dem Immunsystem einige prominente Ziele abzutrainieren - oder ist das Ungleichgewicht viel tieferliegend? Und falls die Methode funktionieren sollte, wie lange hält sie vor? Welche Nebenwirkungen kann die Behandlung mit sich bringen?

Besonders wichtig ist eine frühzeitige Diagnose - Bis das alles geklärt ist, bleiben die schon heute etablierten Therapien. Für die ist vor allem wichtig, dass Arthritis-Patienten so schnell wie möglich die richtige Diagnose erhalten, damit sie Medikamente nehmen können, die die Entzündungen eindämmen. Nur so können Schädigungen an den Gelenken lange herausgezögert oder ganz vermieden werden. „Es gibt deutschlandweit Angebote von Rheumatologen, die sicherstellen sollen, dass Patienten mit Verdacht auf eine rheumatoide Arthritis sehr schnell einen Facharzttermin bekommen“, sagt Schulze-Koops.

Mit den heutigen Methoden sei es möglich, bei 30 bis 50 Prozent der Patienten einen Zustand zu erreichen, in dem die Krankheit nicht fortschreitet. Dafür müssten sie allerdings dauerhaft Medikamente nehmen.

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