Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Chinesen leben nicht nur wie Amerikaner gern in bewachten Wohnanlagen

Chinesen leben nicht nur wie Amerikaner gern in bewachten Wohnanlagen

Baku, 29. März, AZERTAC

Sie heißen Upper East Side oder Park Avenue, nun will die chinesische Regierung ausländische Namen von Wohnanlagen und Shoppingmalls verbieten. Damit wird sie nicht weit kommen.

Als wir vor gut drei Jahren nach Peking kamen und auf unseren Hausstand warten mussten, zogen wir erst einmal in ein möbliertes Apartment. Die Adresse lautete: Park Avenue, chinesisch Gongyuan Dadao. Wir hatten uns auch in Wohnanlagen namens Central Park, Upper East Side und Yosemite umgesehen, aber da waren uns die Apartments zu teuer, zu groß oder, offen gesagt, zu opulent.

Die Chinesen haben ein merkwürdiges Verhältnis zum Ausland. Auf der einen Seite finden sie vieles toll, was von draußen kommt - Autos, Filme, Milchkaffee. Auf der anderen Seite finden viele von ihnen, dass sie schon selbst die Größten sind. Auf eine Weise stimmt das ja. Als Volk sind sie die Größten.

Als Volkswirtschaft, als Militärmacht, als Internetstandort aber sind sie nur die Zweitgrößten, da haben sie einen Rivalen, der noch etwas größer ist. Kein Land bewundern und beneiden die Chinesen so sehr wie die Vereinigten Staaten. Die USA sind ihr Referenzpunkt, an Amerika misst China seine Größe.

Wohnanlagen, die so heißen wie in Las Vegas - Dass sich mit dieser Obsession auch Geld verdienen lässt, hat niemand so schnell verstanden wie Chinas Immobilienunternehmer. Die Chinesen leben nicht nur wie Amerikaner gern in bewachten Wohnanlagen, sogenannten Gated Communities. Sie wollen auch, dass die so heißen wie in Las Vegas oder Miami Beach.

Das ist der Grund, warum so viele neue Hochhausparks, Bürotürme und Shoppingmalls in China auch englische Namen tragen. In Shanghai gibt es Siedlungen, die Springdale Gardens, Grand Plaza oder Lakeside Villas heißen, in Peking Einkaufs- und Geschäftszentren, die als Soho Galaxy, als The Village oder schlicht als The Place bekannt sind. In den Hügeln zwischen der Hauptstadt und der Großen Mauer hat ein Entwickler ein Resort errichtet, das auf Englisch Jackson Hole und auf Chinesisch etwa Vaterstadt Amerika heißt.

So etwas soll es künftig nicht mehr geben. Am Dienstag kündigte Li Liguo, Minister für zivile Angelegenheiten, an, dass Namen von Gebäuden, welche "die Souveränität und nationale Würde schädigen, im Gegensatz zu sozialistischen Kernwerten stehen, als unmoralisch gelten oder Anlass für die meisten Beschwerden aus dem Volk waren", geändert werden müssen. Die Inspektoren sind angeblich schon unterwegs.

Man könnte sich fragen, ob ein Land, dessen Wachstumsraten sinken, dessen Wirtschaft vor einem tiefgreifenden Umbau steht und dessen Staatspartei offenbar an der Loyalität ihrer Bürger und Bürgerrechtler zweifelt, keine anderen Sorgen hat.

Doch genau da liegt wahrscheinlich der Grund für die etwas weltfremde Maßnahme von Minister Li. Sie passt in einen Trend, der schon seit ein paar Jahren anhält und den man zurückhaltend als Neuen Patriotismus und kritischer auch als Neuen Nationalismus bezeichnen könnte. Was immer in der Welt passiert, spiegelt die staatlich gelenkte Öffentlichkeit heute im Licht der Größe Chinas oder, wie eine Lieblingsformulierung des chinesischen Präsidenten Xi Jinping lautet, der "Wiedergeburt der chinesischen Nation".

Der Bildersturm von Minister Li wird nicht weit führen - China ist in den vergangenen 30 Jahren ja auch gewachsen und auf eine Weise wiedergeboren worden. Aber es schmerzt die Führung, dass die Chinesen, je wohlhabender sie werden und je mehr sie in der Welt herumkommen, auch immer mehr Gefallen an allem Nicht-Chinesischen finden. Dass sie zum Beispiel immer noch lieber europäische Autos fahren - obwohl chinesische SUVs inzwischen auch ganz passabel sind. Dass sie sich immer noch gern iPhones kaufen - obwohl Huawei und Xiaomi inzwischen auch sehr gute Smartphones bauen. Und dass sich ein Wohnpark namens Chateau Regalia immer noch besser verkauft als einer, der einen schlichten chinesischen Namen trägt.

"Sollen wir unsere Siedlung vielleicht Verbotene Stadt nennen?" fragte ein Blogger. "Und das Verwaltungsgebäude dann vielleicht Ministerium des Inneren?"

Wie sehr die Chinesen exotisches Kulturgut schätzen, wurde mir klar, als ich vor zwei Jahren im Perlflussdelta den Nachbau eines Alpendorfs aus meiner Heimat besuchte. Hashitate heißt die Wohnanlage auf Chinesisch. Das ist eine phonetische Übersetzung von Hallstatt,einer Welterbegemeinde im Inneren Salzkammergut.

Sie hätten auch Nachbauten von Innsbruck (Yinsibuluke), Neuschwanstein (Xintianebao) und der Innenstadt von München (Munihe) erwogen, berichtete mir der Marketingchef des Immobilienunternehmens. Hallstatt sei ihnen am Ende einfach als am lukrativsten erschienen.

Der Bildersturm von Minister Li wird nicht weit führen, das wage ich vorauszusagen. Dass es eine neue Vorschrift gibt, heißt auch in autoritären Staaten nicht immer, dass sich alle daran halten werden. Vor allem nicht, wenn es um Prestige und große Namen geht.

Die Tochter des Staatspräsidenten, Xi Mingze, kam kürzlich erst aus Amerika zurück. Dort hatte sie ihr Studium abgeschlossen. Nicht an der Peking-Universität, sondern in Harvard.

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