Der harte Kampf der schwarzen Winzer
Baku, den 10. Dezember (AZERTAG). Südafrika ist der siebtgrößte Weinproduzent der Welt. Die Branche ist fest in der Hand der weißen Minderheit. Zaghaft wagen sich schwarze Winzer ins Geschäft.
Ihre Finger zittern, als Ntsiki Biyela den Korken aus der Flasche zieht. So aufgeregt war sie selten. Sie sitzt auf einer Strohmatte im Wohnzimmer ihrer Großmutter, dort, wo sie so viele Nachmittage ihrer Kindheit verbracht hat. Nie hat die alte Frau ein Glas Wein getrunken. Diesen Cabernet Sauvignon aber, Jahrgang 2004, hat die Enkelin selbst gekeltert. Als eine der ersten schwarzen Südafrikanerinnen überhaupt.
Es ist ein besonderer Wein. In der Branche hat er hervorragende Kritiken bekommen. Hier aber, in dem winzigen Dorf in der Nähe von Durban, greift die Großmutter nur zögerlich zu dem Glas. Sie trinkt einen Schluck, und Biyela merkt, dass sie Mühe hat, nicht die Mundwinkel angesichts der ungewohnten Säure zu verziehen. „Wie findest du ihn?“, fragt sie. Die Großmutter versucht einige Sekunden, sich an den Geschmack des Weines zu gewöhnen. Dann lächelt sie voller Stolz: „Er ist sehr gut.“
Biyela lehnt sich in ihrem Stuhl zurück. In Gedanken bleibt sie noch einige Sekunden bei diesem Moment vor sechs Jahren, den sie als den schönsten in ihrer Karriere beschreibt. Sie redet ruhiger und langsamer, wenn sie von ihrem Heimatdorf erzählt. Doch dann ist die 33-Jährige wieder ganz in der Gegenwart. Sie sitzt an einem massiven Holztisch, Zentrum des schicken Präsentationsraumes, in dem das Stellekaya-Weingut von Stellenbosch zu Weinproben bittet. An der Wand hängen Bilder von Nelson Mandela, gewaltige Weinregale geben der modernen Architektur Atmosphäre. Längst ist das hier ihre Welt.
Bis zum Abend muss sie noch ein Lager neu ordnen. Also Schluss mit den Sentimentalitäten. Bei Stellekaya gibt es nur zehn Mitarbeiter, da müssen alle mitziehen. „Busy times“, sagt sie. Hektische Zeiten. Und es klingt wie: gut so. Nur nicht stehen bleiben, auch wenn sie schon jetzt mehr geschafft hat, als ihr viele in der Industrie zugetraut haben.
Denn diese wird wie keine andere weiter von der weißen Minderheit Südafrikas dominiert. „Als ich vor zehn Jahren auf meinen ersten Weinbauerkongress gegangen bin, war ich die einzige Frau - und die einzige Schwarze“, sagt Biyela. „Es kommen einige nach, aber neulich haben wir bei einem Kongress ein Gruppenfoto gemacht. Und es war immer noch das gleiche Bild.“
Südafrika ist der siebtgrößte Weinproduzent der Welt. 1,2 Milliarden Flaschen werden jährlich produziert, besonders in den Winelands in der Nähe von Kapstadt, wo 275.000 Arbeitsplätze von diesem Wirtschaftszweig abhängen. Das Land war im internationalen Weinmarkt einer der Senkrechtstarter des vergangenen Jahrzehnts.
Dabei profitierte es - neben der zweifellos zumeist herausragenden Qualität - auch von seinem Image als Regenbogennation nach dem friedlichen Systemwechsel von der Apartheid zur Demokratie. Doch von den 4600 Weinfarmen sind nur 30 im Besitz von schwarzen Farmern, wie Nick Vink, Professor für Agrarökonomie in Stellenbosch, berichtet. „Es tut sich ganz langsam etwas, vor fünf Jahren waren es erst zehn.“
Der Einstieg in den Weinbau ist schwierig. Das Handwerk ist komplex und der Markt umkämpfter denn je. Die Boomjahre waren 2004 und 2005. „Die Gesamtzahl der Weinbauern hat seitdem um zehn bis 15 Prozent abgenommen“, sagt Vink. „Die goldenen Jahre sind vorbei.“ Exporte in den Kernmarkt Europa leiden unter der Wirtschaftskrise.
Auch die Stärke des Rand lastet schwer auf der Branche. Dabei ist Südafrikas Weinindustrie überwiegend vom Export abhängig. Der eigene Markt ist klein und trotz steigender Nachfrage in der neuen schwarzen Mittelklasse insgesamt rückläufig. 350 Millionen Liter Wein wurden im Jahr 2010 getrunken - rund zwölf Prozent weniger als noch vor einem Jahrzehnt.