Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Die toten Kelten aus der Kirschbaumhöhle

Baku, den 19. Juli (AZERTAG). In einer Höhle in Bayern haben Forscher mindestens sieben Tote aus der Eisenzeit entdeckt - dabei legten die frühen Kelten ihre Verstorbenen normalerweise nicht in Erdspalten ab. Jetzt sollen modernste Methoden helfen, das Geheimnis der Toten zu klären.

Manche Menschen träumen von schnellen Autos, von großen Häusern oder gar einer schnittigen Yacht. Archäologen sind da ein wenig anders. Sie begeistern sich für kaputte Dinge und alte Knochen - oder für vergessene Orte, die seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden kein Mensch mehr betreten hat.

Die Kirschbaumhöhle im Fränkischen Karst auf der Nördlichen Frankenalb ist so ein Fall. Die letzten Menschen hier waren frühe Kelten. Sie kamen in der Eisenzeit um 500 vor Christus. Ihre Knochen haben Forscher gefunden - unberührt seit zweieinhalb Jahrtausenden. „Das ist so eine Höhle, von der man träumt“, gibt der Ur- und Frühgeschichtliche Archäologe und Projektleiter der Ausgrabung, Timo Seregély.

Fast alle Höhlen der Region wurden bereits im frühen 20. Jahrhundert ausgegraben, als die Forschung noch lange nicht die Möglichkeiten hatte, die ihr heute zur Verfügung stehen. So gingen viele Informationen für immer verloren. Die Kirschbaumhöhle bietet nun eine einmalige Gelegenheit. „Noch nie gab es die Möglichkeit, eine Schachthöhle auf diesem allerneusten Stand der Technik zu untersuchen“, freut sich Seregély zu.

Nur im Schutzanzug in die Höhle - Berthold Hofmann und Steffen Hoffmann von der Forschungsgruppe Fränkischer Karst e.V. hatten die Höhle entdeckt - und unberührt gelassen. Beide meldeten den Fund dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege. Damit keiner der Funde kontaminiert wird, gehen die Wissenschaftler nun nur mit Schutzanzügen in die extrem enge Höhle.

In Zusammenarbeit mit dem Restaurierungswissenschaftler Gerhard Gresik erfassten die Forscher die Höhlenstruktur und die oberste Knochenlage zunächst mit Hilfe eines hochpräzisen terrestrischen 3D-Scanners. Damit kann genau dokumentiert werden, welcher Knochen wo und wie liegt. Das ist neu: „Es ist das erste Mal, dass überhaupt ein 3D-Scanner in einer Schachthöhle eingesetzt wird.“

Die Knochenfunde sollen in einer nächsten Phase mittels eines Stereo-3D-Scanners mit Farbinformationen erfasst und in einer Datenbank archiviert werden. Mit dieser genauen Methode lässt sich noch die kleinste Veränderung am Knochen feststellen. Wurden die Knochen nach dem Tod manipuliert? Gibt es Hinweise auf Krankheiten oder besondere Belastungen zu Lebzeiten? Haben die Knochen Brandspuren?

Jeder Hinz und Kunz bekam seinen Hügel - So hoffen die Forscher, am Ende die Geschichte der mindestens fünf erwachsenen und zwei jugendlichen Toten rekonstruieren zu können. Ihre Schädel lagen an der Oberfläche des Höhlenbodens. „Wir vermuten aber, dass da noch viel mehr Menschen drin liegen“, sagt Seregély. Wurden die Toten vielleicht geopfert? Oder wurden sie von der Gemeinschaft in die Höhle verbannt, weil sie an einer Seuche litten und daran starben? Kamen sie alle gemeinsam in die Höhle oder zu unterschiedlichen Zeiten?

Dass Tote in der Eisenzeit in einer Höhle abgelegt wurden, ist nämlich höchst ungewöhnlich. Normalerweise bestatteten die frühen Kelten in dieser Region ihre Verstorbenen unter künstlich aufgeschütteten Hügeln - und zwar egal, ob arm oder reich. „Jeder Hinz und Kunz bekam seinen Hügel oder ein kleines Urnengrab zwischen diesen Grabmonumenten“, erläutert Seregély.

Zu klären bleibt auch die Frage, warum in der Höhle zusätzlich viele Tierknochen lagen. Zufällig haben sich diese Tiere jedenfalls nicht in dem schmalen und engen Felsschacht verirrt, denn weder Rind, Schwein, Schaf, Hund, Rothirsch, Feldhase oder Wildkatze sind natürliche Bewohner von Schachthöhlen.

Und woher kamen die Toten aus der Kirschbaumhöhle? „Siedlungen haben wir in der Umgebung noch nicht gefunden“, meint Seregély. Allerdings hat in der abgelegenen Region auch noch niemand intensiv danach gesucht. „Dass wir keine kennen heißt noch lange nicht, dass es keine gab“, gibt Seregély zu.

Derzeit finanzieren die Oberfrankenstiftung, der Landkreis Forchheim, das Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege und die Gesellschaft für Archäologie in Bayern e.V. das Projekt. Für die kommenden Arbeiten hofft Seregély, die Deutsche Forschungsgemeinschaft und auch andere Stiftungen und Förderer aus Kultur und Wirtschaft für die Kirschbaumhöhle begeistern zu können.

Ihren Namen bekam sie übrigens von dem kleinen Kirschbäumchen, das über ihrem Eingang stand. Die genaue Stelle ist aber aus Schutz vor Plünderern streng geheim. Und auch den Kirschbaum gibt es nicht mehr.

 

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