Epidemie in Afrika: Choleraausbrüche in 23 Ländern
Baku, 9. August, AZERTAC
Die afrikanische Gesundheitsbehörde Africa CDC schlägt Alarm: In diesem Jahr gab es einem aktuellen Briefing zufolge bereits 205.000 Fälle in 23 Ländern. Im Vorjahr dagegen gab es im ganzen Jahr in 20 Ländern rund 254.000 Fälle, sagte Ngashi Ngongo, der bei Africa CDC zuständig für Krankheitsausbrüche ist.
Sorge bereiten demnach nicht nur die schon seit Jahren zunehmenden Fallzahlen in immer mehr Ländern. Auch die Sterblichkeitsrate steige, so Ngongo. Im vergangenen Jahr lag sie demnach bei 1,9 Prozent, derzeit beträgt sie 2,1 Prozent. Doch das sind Durchschnittszahlen – wenn die Bedingungen vor Ort schlecht sind, kann die Sterblichkeit drastisch höher sein.
Da in Westafrika und Zentralafrika die Regenzeit bevorsteht oder gerade beginnt, dürfte die Zahl der Erkrankungen in den kommenden Wochen und Monaten weiter steigen.
Mangelnder Zugang zu sauberem Wasser - Cholera wird durch Bakterien verursacht und verbreitet sich hauptsächlich durch verunreinigtes Wasser. Die Betroffenen leiden unter wässrigen Durchfällen. Todesfälle gehen primär auf massive Dehydrierung zurück. Meist trifft es die Schwächsten und die Ärmsten – Menschen, die unter beengten Verhältnissen und ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser in den Slums der Großstädte oder in vernachlässigten ländlichen Regionen leben, oft unterernährt und mit geschwächtem Immunsystem.
Das UN-Kinderhilfswerk Unicef warnte, dass mit Beginn der Regenzeit in West- und Zentralafrika mehr als 80.000 Kinder einem hohen Cholerarisiko ausgesetzt seien. Denn wenn dann die typischen Sturzregen alles überschwemmen, gelangen Fäkalien aus Latrinen in Brunnen und Flüsse, aus denen viele Menschen ihr Wasser schöpfen.
Die CDC kritisierte kürzlich, dass mangelnde Investitionen in die sanitäre Infrastruktur zum Anstieg der Choleraausbrüche beitragen. So haben im Südsudan, einem der besonders betroffenen Länder, nur 16 Prozent der Bevölkerung Zugang zu sanitären Anlagen. Im Sudan, wo mehr als zwölf Millionen Menschen vor dem seit mehr als zwei Jahren andauernden blutigen Machtkampf auf der Flucht sind, haben nur 35 Prozent der Einwohner Zugang zu sauberem Wasser.
CDC-Generaldirektor Jean Kaseya kritisierte bei einem Treffen mit afrikanischen Staatschefs zudem die Unterversorgung mit Choleraimpfstoffen. Auf dem Kontinent würden jährlich 54 Millionen Impfdosen benötigt, doch nur die Hälfte sei zu bekommen: »Diese Lücke ist inakzeptabel.«
Dramatisch ist die Situation besonders dort, wo Konflikte und eine schlechte Sicherheitslage die Arbeit von Helfern erschweren und gefährlich machen – etwa im Ostkongo, wo mehrere Millionen Menschen auf der Flucht vor den Angriffen verschiedener Milizen sind. Oder im Sudan, wo seit April 2023 Chaos herrscht.
Alarmierende Zustände werden dort häufig aus der Region Nord-Darfur gemeldet, in der zudem nach UN-Angaben eine Hungersnot droht. Schon jetzt gebe es dort 4300 Cholera-Fälle, so das UN-Flüchtlingshilfswerk. Auch in Tawila, wohin rund 370.000 Menschen nach dem Angriff der Miliz RSF auf das Flüchtlingscamp Samsam geflohen sind, steige die Zahl der Fälle, schreibt die Welthungerhilfe. Mitarbeiter vor Ort berichten von katastrophalen hygienischen Bedingungen. Es fehle an Latrinen, sauberem Wasser und medizinischer Versorgung.
Sterblichkeitsrate von 20 bis 30 Prozent - In der Demokratischen Republik Kongo gibt es nach Angaben des Gesundheitsministeriums bereits fast 1000 Choleratote. Der Tropenmediziner Maximilian Gertler von der Berliner Charité war vor wenigen Wochen für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen in der Provinz Tshopo im Nordosten des riesigen Landes, wo die Cholera im März ausbrach.
Gertler berichtet von einer »unfassbar hohen« Sterblichkeitsrate von 20 bis 30 Prozent in der frühen Phase des Ausbruchs, bis zur Intervention der Hilfsteams. Vor Ort habe es an allem gefehlt, auch an Desinfektionsmitteln für verunreinigtes Wasser. Angesichts der schlechten Infrastruktur der Region müssten medizinisches Material oder Chlor über den Kongo und seine Seitenflüsse transportiert werden. Doch dann lasse sich die Sterblichkeitsrate sehr schnell unter 1 Prozent senken.