Forscher haben gelernt, Netzhaut aus embryonalen Zellen zu züchten
Baku, den 7. September (AZERTAG). Als ein neongrün schimmernder Halbmond auf der riesigen Leinwand schwebt, ist Robin Ali auf dem Höhepunkt seines Vortrags angekommen: „In meiner ganzen wissenschaftlichen Karriere habe ich nie etwas Erstaunlicheres gesehen“, ruft der Forscher vom Londoner University College in den überfüllten Ballsaal des Hamburger Grand Elysée Hotels. Das strahlende Gebilde ist ein menschliches Auge in seiner Entstehung, so wie es in der achten Schwangerschaftswoche aussieht. Doch dieses Sinnesorgan wächst nicht im Mutterleib, sondern in Alis Labor - in einer Plastikschale.
Das Bild auf der Leinwand elektrisierte Mitte Juli das Publikum des Retina International World Congress. Unter dem Motto „Gateway to Vision - Tor zum Sehen“ trafen sich Forscher, Blinde und Sehbehinderte, um gemeinsam den Sachstand im Kampf gegen fatale Augenleiden zu debattieren. Für die Betroffenen sind Robin Ali und eine Handvoll seiner Kollegen die derzeit größte Hoffnung, neues Augenlicht zu erlangen - irgendwann in der Zukunft. Ausgerechnet bei einem hochkomplexen Gewebe wie der menschlichen Netzhaut weckt die biomedizinische Grundlagenforschung nun die Aussicht auf Heilung.
Einst unbehandelbare Leiden der Netzhaut gelten schon heute nicht mehr als unabänderliches Schicksal. Mit neuartigen Medikamenten und Gentherapien wollen Augenmediziner künftig das bedrohte Sehvermögen retten. Schon jetzt zeigen erste klinische Versuche an Patienten: Gerade die zahlreichen erblichen Leiden des Sehorgans lassen sich durch Eingriffe bessern oder zumindest stabilisieren. „Das ist für eine Reihe von Menschen bereits Realität“, sagt der Retinaforscher Thomas Reh vom Health Science Center der University of Washington in Seattle.