Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Forscher schmuggeln Mäusen falsche Erinnerungen ins Hirn

Baku, den 26. Juli (AZERTAG). Können Menschen dazu gebracht werden, sich an etwas zu erinnern, das nie stattgefunden hat? Zumindest bei Mäusen haben Forscher so etwas gerade geschafft - mit einem ziemlich brachialen Ansatz.

Ermittler kennen das Phänomen: Da erinnert sich ein Zeuge ganz sicher an etwas, das aber nachweislich so nie stattgefunden hat. Und zwar nicht unbedingt, um die Beamten zu täuschen - sondern weil ihn sein Gedächtnis täuscht. Längst nicht alles, an das wir uns erinnern, haben wir auch wirklich so erlebt. Forschern ist es nun gelungen, Mäusen gezielt falsche Erinnerungen ins Gehirn zu schmuggeln. Das Ergebnis des Experiments erinnert ein wenig an den Sci-Fi-Film „Inception“ - oder wirkt zumindest wie ein erster, winziger Schritt in diese Richtung.

Für das Experiment hatten die Forscher einzelne Neuronen im Gehirn der Mäuse manipuliert - und zwar mit Mitteln der sogenannten Optogenetik. Dabei lassen sich genetisch modifizierte Zellen mit Hilfe von Licht gewissermaßen an- und ausschalten. Forscher um Steve Ramirez und Xu Liu vom Massachusetts Institute of Technology berichten im Wissenschaftsmagazin „Science“ von Experimenten mit Mäusen, die über solch genmodifizierte Zellen im Hippocampus, konkret im Bereich des sogenannten Gyrus dentatus, verfügten. Dieser Bereich des Gehirns ist mitverantwortlich für das episodische Gedächtnis, in dem spezifische Ereignisse und Episoden abgespeichert werden.

Bei ersten Tests, über die die Forscher schon im vergangenen Jahr berichteten, hatten die Mäuse zunächst schmerzliche Erfahrungen machen müssen. In einer Versuchskammer wurden sie leichten elektrischen Schocks ausgesetzt. Die Wissenschaftler verfolgten dabei, welche der Zellen im Hippocampus an der Speicherung dieser Erinnerung beteiligt waren. Im zweiten Schritt wurden die Tiere in eine andere Versuchskammer gesetzt - ohne, dass ihnen hier Stromschläge drohten.

Doch immer wenn die Forscher die an der Speicherung der unangenehmen Erinnerungen beteiligten Hirnzellen mit Licht stimulierten, stoppten die Mäuse vor Angst - weil sie sich an den Elektroschock erinnerten.

Warnung vor Missbrauchspotential - In den aktuellen Versuchen wurde dieser Aufbau nun modifiziert. Die Mäuse durften zuerst eine Versuchskammer A erkunden - ohne dass ihnen dort etwas passierte. Die Wissenschaftler beobachteten dabei, welche Zellen die Erinnerung speicherten. In einer zweiten Versuchskammer („B“) wurden genau diese Zellen nun mit Hilfe von Licht aktiviert - während die Tiere einen leichten Elektroschock bekamen.

Anschließend kamen die Mäuse wieder zurück in Kammer A. Dort erstarrten sie vor Angst - obwohl sie in dieser Umgebung niemals einen elektrischen Schlag erhalten hatten. Die Forscher hatten den Mäusen eine falsche Erinnerung ins Hirn gepflanzt.

Dass diese wie eine echte Erinnerung empfunden wurde, zeigten Aktivitätsmessungen in der Amygdala, dem Angstzentrum des Gehirns, so die Forscher. Und die negative Erfahrung habe sich immer wieder neu aufrufen lassen - auch in anderer Umgebung.

Der nicht an der Studie beteiligte Psychologe Chris French von University of London erklärte in der britischen Zeitung „Guardian“, die Ergebnisse seien insofern nicht ohne weiteres auf den Menschen zu übertragen, als dass unsere Erinnerungen weit komplexer seien als die im Mäuseversuch künstliche hervorgerufenen - auch weil zahlreiche Teile des Gehirns daran beteiligt seien.

Ähnlich zurückhaltend äußerte sich der ebenfalls nicht an der Studie beteiligte Neuroforscher Mark Stokes von der Oxford University. Statt einer eingepflanzten Erinnerung wollte er lieber von einer Assoziation sprechen. Und von denen bedürfe es einer Vielzahl, um tatsächlich eine Erinnerung zu konstruieren. Möglicherweise sei es aber mit fortschreitender Zeit möglich, mehrere Assoziationen einzupflanzen - und so dem gewünschten Ziel doch näher zu kommen.

Sein Kollege French warnte gleichzeitig vor möglichen Gefahren. Das Missbrauchspotential solcher Techniken könne gar nicht oft genug betont werden, warnte der Wissenschaftler.

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