Gehirn entsorgt Abfälle mit Hochdruck
Baku 16. August (AZERTAG). Das Gehirn reinigt sich schneller und effektiver als geglaubt: Wissenschaftler haben ein unbekanntes Abwassersystem im Kopf entdeckt. Gesundheitsschädliche Stoffe, die zu Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson führen können, werden so entsorgt - sofern die Leitungen nicht verstopft sind.
Forscher haben ein bislang unbekanntes Entwässerungssystem im Gehirn entdeckt. Dieses verzweigte Leitungsnetz aus speziellen Zellen pumpt Hirnwasser und Abfallstoffe unter Druck aus dem Denkorgan. Es übt damit eine ähnliche Funktion aus wie die Lymphbahnen im Körper. Ausfindig gemacht haben die Wissenschaftler das Pumpsystem mit Hilfe einer speziellen Mikroskopie-Methode im Gehirn von lebenden Mäusen.
Bisher habe man angenommen, dass Abfallstoffe nur langsam und passiv aus dem Gewebe in die Blutgefäße des Gehirns diffundieren. Jetzt zeige sich, dass das Gehirn zusätzlich ein deutlich schnelleres Entsorgungssystem besitze, berichtet das internationale Forscherteam im Fachmagazin „Science Translational Medicine“.
„Die Abfallentsorgung ist für jedes Organ von entscheidender Bedeutung“, erklärt Studienleiterin Maiken Nedergaard von der University of Rochester. Das gelte besonders für das Gehirn. Denn nahezu bei allen neurodegenerativen Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson würden sich dort Abfallstoffe sammeln, die im Laufe der Zeit immer mehr Gehirnzellen schädigen und abtöten. Für solche Substanzen kannte man im Gehirn bisher nur einen Entsorgungsweg. Bei diesem sickert das Hirnwasser mitsamt den in ihm gelösten Stoffen langsam durch die Gefäßwände in die Hirnvenen. „Jetzt zeigt sich, dass das Gehirn sich weitaus organisierter, schneller und effektiver selbst reinigt als bisher gedacht“, sagt Nedergaard.
Dichtes Leitungsgeflecht um die Gehirngefäße-Wie die Wissenschaftler feststellten, wird das Abwassernetz von den langen Ausläufern spezieller Stützzellen des Gehirns gebildet, den sogenannten Astrozyten. Sie umhüllen als dichtes Geflecht die Blutgefäße des Gehirns und verbinden sie mit den Zellzwischenräumen und den Flüssigkeitsreservoirs im Denkorgan. Diese Zellen bilden ein eigenes Pumpsystem, über das Flüssigkeit aus dem Gehirngewebe aufgenommen und aktiv durch spezielle Kanäle in die Adern zurückgepresst wird. Weil diese Funktion der des Lymphsystems im Körper ähnelt, nennen die Forscher das Leitungsnetz des Gehirns „glymphatisches System“ - Das „g“ steht dabei für Gliazellen, den Zelltyp, zu dem die Astrozyten gehören.
„Das ist ein hydraulisches System. Wenn man es öffnet, wird es unterbrochen und funktioniert nicht mehr“, erklärt Nedergaard. Das sei auch der Grund, warum man es trotz Jahrzehnten der Hirnforschung erst jetzt entdeckt habe. Denn die Pumpfunktion der Astrozyten lasse sich nur im intakten Gehirn lebender Tiere beobachten. Nachweisen konnten die Forscher sie mit Hilfe einer speziellen Mikroskopie-Methode, der Zwei-Photonen-Mikroskopie. Sie ermöglichte es, den Fluss des mit einem Kontrastmittel markierten Hirnwassers im Gehirn lebender Mäuse sichtbar zu machen. An isoliertem Hirngewebe untersuchten die Wissenschaftler anschließend die Feinstruktur der Astrozyten und der feinen Wasserkanäle in den Enden ihrer Zellausläufer.