Gentests können die Veranlagung zu manchen Krankheiten offenbaren
Baku, den 12. Juni (AZERTAG). Gentests können die Veranlagung zu manchen Krankheiten offenbaren. Doch was nutzt das, wenn die Gefahr einer Erkrankung trotz des erhöhten Risikos oft extrem gering ist?
Wie geht man um mit Ergebnissen von Gentests, die eine zukünftige Erkrankung vorhersagen können - erst recht, wenn diese Befunde nur ein Risiko feststellen, aber keine Gewissheit, dass die Krankheit tatsächlich eintritt?
Sichere Aussagen über eine bevorstehende Erkrankung geben Gentests etwa bei unheilbaren neurodegenerativen Erkrankungen. Bestimmte Gendefekte lösen ab dem fünften Lebensjahrzehnt Morbus Huntington, erbliche Alzheimer-Demenz oder auch die erbliche Form der Parkinson-Krankheit aus. Bei einem positiven Testergebnis können die Betroffenen nichts tun, um der Erkrankung vorzubeugen oder sie hinauszuzögern. Zwar gibt ihnen der Test die Möglichkeit, für die Zeit der Krankheit vorzusorgen. Doch bis zum Ausbruch leben sie mit der psychisch belastenden Gewissheit des bevorstehenden Leidens. Es gibt also gute Gründe, sich für, aber auch gegen einen Test zu entscheiden.
Noch komplizierter ist die Situation bei Tests, die keine sichere Auskunft, sondern nur Risikowarnungen geben können - wie bei Angelina Jolie. Inzwischen sind Hunderte Mutationen in den Brustkrebsgenen BRCA1 und BRCA2 bekannt. Sie erhöhen das Lebenszeitrisiko für einen Tumor auf bis zu 90 Prozent.
Wie groß die Gefahr im Einzelfall wirklich ist, können die Tests aber nicht ermitteln, weil Varianten in vielen anderen Genen eine Rolle spielen. Die betroffenen Frauen stehen daher vor schwierigen Entscheidungen. Soll ich mich überhaupt testen lassen? Oder ist es besser, im Unklaren zu bleiben? Und wenn der Test einen positiven Befund ergab: Soll man die Brust dann amputieren lassen, obwohl nicht sicher ist, dass der Krebs kommen wird? Oder lieber Kontrollen machen lassen in kurzen Abständen, um im Ernstfall früh behandeln zu können?
Ganz ähnlich sind die Probleme bei erblichem Darmkrebs. Wie beim Brustkrebs entstehen auch hier bis zu zehn Prozent aller Fälle durch eine Reihe verschiedener Genmutationen. Die Entscheidungen sind folgenschwer; eine umfassende Aufklärung über die möglichen Konsequenzen der Tests und die Beratung, sobald das Ergebnis vorliegt, sind daher besonders wichtig - und in Deutschland gesetzlich vorgeschrieben.
Ob Wissen wirklich besser ist als Nichtwissen? Wohl nicht für jedermann. Es hängt von der Persönlichkeit der Betroffenen ab, wie sie mit der Aufklärung über das eigene Schicksal umgehen.
Schon heute werden Genom-Analysen von Diagnostikfirmen über das Internet direkt an Kunden vermarktet. Dabei senden die Nutzer Speichelproben ein und bekommen dann eine Auflistung ihrer genetischen Veranlagungen zugesandt. Im Angebot sind dabei ganz verschiedene Testpakete. Manche erfassen schwerwiegende Krankheitsrisiken, etwa Brustkrebs. Andere bieten eher medizinische Informationen, etwa über Erbanlagen, welche die Wahrscheinlichkeit für Bluthochdruck oder Diabetes erhöhen oder vermindern.
Es sind zwar viele Genvarianten bekannt, die zu diesen Volkskrankheiten beitragen. Weil aber ihr Einfluss auf diese Leiden im Einzelnen gering ist, sind die Ergebnisse in der Regel wenig hilfreich. Man erfährt etwa, dass man ein fünffach erhöhtes Risiko für eine bestimmte Erkrankung besitzt. Doch wenn diese Krankheit mit einer Wahrscheinlichkeit von einem Prozent in der Allgemeinbevölkerung eintritt, bedeutet das Testergebnis nur: Ich werde mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 statt 99 Prozent gesund bleiben. Bei diesen Angeboten sollte man sich zurückhalten. Vor allem wenn die Testergebnisse ohne begleitende Beratung vermarktet werden.