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Klimaforscher Mojib Latif: „Der Klimawandel geht weiter“

Klimaforscher Mojib Latif: „Der Klimawandel geht weiter“

Baku, den 24. September (AZERTAG). Ab Montag verhandeln Vertreter der Uno den neuen Weltklimareport. Doch die Erderwärmung macht seit 15 Jahren Pause, fällt der Klimawandel also aus? Der Klimatologe Mojib Latif erklärt, warum die Temperatur wieder steigen wird.

Gibt es denn nun die globale Erwärmung oder gibt es sie nicht? Die öffentliche Diskussion über den Klimawandel hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Mehr und mehr sich zum Teil widersprechende Meldungen machen die Runde. Einer der Gründe dafür: Der Stillstand der Erderwärmung seit Ende der neunziger Jahre. Was ist die Wahrheit über den Klimawandel?

Seit Menschen auf der Erde leben hat es nicht so viel Kohlendioxid (CO2) in der Luft gegeben wie heute. Der Grund ist unstrittig: Die weltweite Energieerzeugung basiert zu gut 90 Prozent auf der Verbrennung von Kohle, Erdöl und Erdgas - dabei entsteht Kohlendioxid. Das CO2 ist ein Treibhausgas. Es wärmt die Erdoberfläche und die unteren Luftschichten, was ebenfalls unstrittig ist.

Die Oberflächentemperatur der Erde ist seit Beginn der Industrialisierung um ein knappes Grad gestiegen. Auch das ist unstrittig. Der überwältigende Teil der Wissenschaftler ist sich aufgrund theoretischer Überlegungen, von Messungen und Modellsimulationen darin einig, dass der Mensch erheblich zu der Erderwärmung beigetragen hat. Das ist in den Berichten des Weltklimarats IPCC nachzulesen. Der demnächst erscheinende fünfte Sachstandsbericht wird das unterstreichen. Genau quantifizieren kann man den menschlichen Anteil aber nicht.

Der Verlauf der Erdoberflächentemperatur seit 1880 war unregelmäßig. Nicht jedes Jahr oder Jahrzehnt war wärmer als das vorangehende. Und nicht jede Region hat sich gleich stark erwärmt, einige haben sich sogar abgekühlt.

Die Tiefsee saugt Wärme an - Das hat verschiedene Ursachen: die natürlichen Klimaschwankungen und regional sehr unterschiedliche Rückkopplungen. Deswegen müssen wir die Dinge eher global betrachten und möglichst viele Jahrzehnte analysieren, um den langfristigen Erwärmungstrend überhaupt zu erkennen. Schlussfolgerungen auf der Basis weniger Jahre oder Jahrzehnte sind wenig aussagekräftig, genauso wenig wie die auf der Basis begrenzter Regionen.

Ein Grund für das zeitliche Auf und Ab der Oberflächentemperatur, gerade in Zeiträumen von Jahrzehnten, sind die Meere, insbesondere die Tiefsee. Die Meere bedecken etwa Zweidrittel des Planeten und sind damit ein wichtiger Klimafaktor. Die Tiefsee „saugt“ mal mehr und mal weniger Wärme aus den oberen Meeresschichten, was sich in Schwankungen der Erdoberflächentemperatur äußert.

Andere Größen reagieren weniger „hektisch“. Zu ihnen gehört der Meeresspiegel. Er zeichnet neben der Eisschmelze auch die Temperaturänderungen in den verschiedenen Meeresschichten auf, auch die in der Tiefsee. Wärmeres Wasser dehnt sich aus und lässt den Meeresspiegel steigen.

Der global gemittelte Meeresspiegel zeigt seit 1900 im Gegensatz zur Oberflächentemperatur einen recht kontinuierlichen Anstieg. Vor allem auch während der vergangenen Jahre, in denen die globale Oberflächentemperatur nicht mehr gestiegen ist. Der Klimawandel findet also immer noch statt! Wir können ihn gewissermaßen sehen, wir müssen nur hinschauen.

Schlechte Datenbasis - In einer wärmeren Welt gibt es mehr Wetterextreme. Betrachtet man alle Landgebiete zusammen, ist die Zunahme während der vergangenen Jahrzehnte offensichtlich. Der Nachweis ist für einzelne Regionen meistens nicht möglich, weil die Extreme von Natur aus selten sind und die globale Erwärmung noch recht schwach ausgeprägt ist. Das heißt aber nicht, dass es gar keinen menschlichen Einfluss etwa auf die Wetterextreme bei uns in Deutschland gibt. Die schlechte Datenbasis ermöglicht einfach keine vertrauenswürdigen Aussagen.

Wie die Zukunft aussehen wird, weiß niemand. Das wird auch davon abhängen, wie sich die Menschen in diesem Jahrhundert und auch danach verhalten werden. Das träge Klima reagiert nur auf unsere langfristige Strategie.

Wie wird etwa die Energiegewinnung bis zum Ende des Jahrhunderts aussehen? Werden wir weiter auf die fossilen Brennstoffe setzen und immer mehr CO2 in die Luft blasen? Oder wird es eine weltweite Energiewende geben, mit einer Hinwendung zu den erneuerbaren Energien? Die Erderwärmung wird jedoch allein wegen der Trägheit des Klimas mit großer Wahrscheinlichkeit während der kommenden Jahrzehnte allmählich weiter voranschreiten.

Wir führen ein gigantisches Experiment mit der Erde aus. Sein Ausgang ist ungewiss. Wollen wir wirklich herausfinden, im welchem Maße wir Menschen das Klima zu ändern imstande sind und welche Auswirkungen das hätte? Wir sind dabei, die Grenzen der Belastbarkeit der Erde zu testen.

Das Risiko ist nicht klein, dass wir einen verhängnisvollen Weg eingeschlagen haben. In unserem persönlichen Leben versuchen wir stets, selbst noch so kleine Risiken zu vermeiden. Wie lange wollen wir das Experiment noch fortführen?

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