Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Kubas findige Unternehmer

Baku, den 29. März (AZERTAG). Carlos Fernández-Aballí weiß, dass er oft Verwunderung auslöst. Die Welt stünde dem jungen Kubaner offen. Der Diplomatensohn hat Ingenieurswissenschaften in England studiert. Doch nach dem Abschluss 2006 zog er zurück nach Kuba. „Für die jungen Leute hier bin ich eine Ausnahme“, sagt Fernández-Aballí. Nicht wenige träumten davon, die Karibikinsel verlassen zu können.

Der 29-Jährige will mithelfen, seine Heimat voranzubringen. Er wolle nicht Technik entwickeln, die sich kaum einer seiner Landsleute leisten könnte, sagt er. Und so kommt es, dass ein Ingenieur, der über Solarmotoren promoviert und an der Universität unterrichtet, nebenher eine Knoblauchpresse erfunden hat. Aus den einfachsten Bestandteilen: Fahrradkette, Plastikrohre und Küchenteile - „alles in Kuba hergestellt“, strahlt Fernández-Aballí.

In dem maroden sozialistischen Staat fehlt es an allem. Vor Carlos Fernández-Aballís Knoblauchpresse gab es wenig Möglichkeiten, das Gewürz in halbwegs großem Stil zu dehydrieren und damit haltbar zu machen. Seit Ende 2011 presst, trocknet und verkauft der Tüftler nun Knoblauch.

Die Wirtschaftsberater experimentieren - Knoblauchpressen, Zoohandlungen, Fitnesscenter, Maniküre-Salons, Schneidereien, Spielhöllen und Krimskrams-Läden - kaum eine Nische, die noch nicht von einem findigen kubanischen Unternehmer entdeckt wurde. Das sozialistische Kuba ist zu einer Insel beeindruckender marktwirtschaftlicher Umtriebigkeit geworden.

Viel hat sich wirtschaftlich in den vergangenen drei Jahren getan, seit Raúl Castro 2011 von seinem Bruder Fidel auch an der Parteispitze das Zepter übernahm. Kuba ist zwar schon länger eine Hybrid-Ökonomie, in der es neben staatlicher Planwirtschaft unter der Hand viel kreative Eigeninitiative gibt. Doch während Fidel die größtenteils illegale Privatwirtschaft notgedrungen tolerierte, begrüßt der 82-jährige Raúl ausdrücklich den Erfindungsreichtum der Bevölkerung.

Die Kubaner sollen Castro dabei helfen, die marode Wirtschaft in Schwung zu bringen, ohne dabei den sozialistischen Prinzipien einen tödlichen Schock zu versetzen. Es ist eine schwierige Gratwanderung, von der keiner so genau weiß, wie sie funktionieren soll.

„Es ist hier alles ein Experiment“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Jesús Pulido Catasús, der die Regierung berät. Schon 2011 ließ Raúl Castro 313 Richtlinien verabschieden, die der Wirtschaft Interpretationsspielraum ließen. 1,5 Millionen Kubaner sollen von Staatsangestellten zu Selbstständigen werden. Ein Ziel, von dem Havanna noch weit entfernt ist. Doch unter Raúl Castro wird viel ausprobiert.

Die neu eröffneten 3-D-Kinos ließ Havanna wieder schließen - „Cuentapropistas“ - so werden Kubas Selbständige offiziell genannt. Der Begriff bedeutet wörtlich auf eigene Rechnung zu arbeiten. So wird das kapitalistische Wort „Unternehmer“ vermieden. Ein Euphemismus, wie in Deutschland die Ich-AG.

Anders als der Diplomatensohn Carlos Fernández-Aballí verfolgen die meisten Kubaner ihren Handel jedoch nicht aus Leidenschaft, sondern um ihr täglich Brot zu verdienen. Inzwischen ist die Liste der zugelassenen selbständigen Berufe auf 201 angewachsen. Ein ausführlicher Bericht dazu, der auch alle erlaubten Professionen auflistet, findet sich hier.

Neu zugelassen wurden beispielsweise Kleidungsverkäufer. Als sich die Kubaner jedoch daran machten, kofferweise Westware ins Land zu schaffen, präzisierte die Regierung, dass ab 2014 keine Importware mehr weiterverkauft werden dürfe. Prompt mussten zum Jahreswechsel Zehntausende Kleidungsverkäufer grummelnd wieder dichtmachen. Auch ließ Havanna 2014 die neu eröffneten 3-D-Kinos wieder schließen, was ebenfalls für einigen Unmut auf der Insel sorgte.

Als es aber darum ging, wie viele Angestellte ein Cuentapropista zu einem vergünstigten Steuersatz haben dürfe, hat die Regierung Zugeständnisse gemacht. „Der Staat schaut, wie es läuft. Und wo es knirscht, geht er bis zu einem gewissen Grad auch auf die Cuentapropistas zu“, sagt Jenny Morin, die an der Universität Köln über Kubas Privatsektor promoviert und dutzende kubanische Unternehmer interviewt hat. 

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