Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Mediziner finden zu häufig Krebs, der keiner ist

Baku, den 31. Juli (AZERTAG). Nicht jeder Verdacht auf einen Tumor bedeutet Gefahr. Amerikanische Mediziner warnen vor zu häufigen Diagnosen und überflüssigen Behandlungen.

Krebs ist kein Tabu mehr. Die Krankheit, ihr rechtzeitiges Erkennen und die Vorsorge stehen im Brennpunkt öffentlicher Aufmerksamkeit. Trotzdem lässt der Erfolg zu wünschen übrig, monieren amerikanische Mediziner. Insbesondere die Früherkennung habe zwar zu mehr Diagnosen von frühen Krebsstadien geführt. Trotzdem treten gefährliche fortgeschrittene Krebsleiden genauso oft wie früher auf. Das Leiden würde zu häufig festgestellt und behandelt, schreibt eine Arbeitsgruppe des Nationalen Krebsinstituts der USA in der Online-Ausgabe des Fachblatts Jama - und macht Vorschläge, um die Lage zu verbessern. Darunter den, aus manchen Diagnosen die Bezeichnung „Krebs“ zu tilgen.

Krebs gilt als potenziell tödliche Krankheit. Wenn sie nicht behandelt wird, bringt sie den Betroffenen um, so die Annahme. Aber so einfach ist es längst nicht immer. Typisch für bösartige Tumoren ist ungehemmtes und zerstörerisches Wachstum und das Bilden von Tochtergeschwülsten, Metastasen, in anderen Organen. Der Übergang von einer gesunden Zelle zu einer kranken vollzieht sich oft allmählich und über einen langen Zeitraum. Er kann auch ins Stocken kommen und irgendwann stehen bleiben.

Die Unterscheidung von „gutartig“ und „bösartig“ kann in der Praxis dementsprechend sehr schwierig sein. Dennoch, das Etikett „Krebs“ löst Panik beim Patienten und Handlungsdruck beim Arzt aus. Das Ergebnis können überflüssige Behandlungen früher Tumorstadien mit zum Teil schwerwiegenden Nebenwirkungen sein.

Laura Esserman von der Universität von Kalifornien in San Francisco und ihre Kollegen unterscheiden drei Gruppen von Krebsleiden, auf die sich Früherkennungsprogramme und -methoden unterschiedlich auswirkten. In der ersten Gruppe finden sich Brust- und Prostatakrebs. Die Früherkennung (Screening) hat zu einer deutlichen Zunahme der Fallzahlen, berechnet auf 100.000 Einwohner, geführt. Dagegen ist das Risiko, an diesen Krankheiten zu sterben, deutlich zurückgegangen. Das Screening führt dazu, dass „träge“ oder „schlafende“ Tumoren aufgespürt und unnötig behandelt werden - daher die Zunahme der Häufigkeit -, trägt aber auch einen Teil dazu bei, dass weniger Menschen an dem Krebs sterben, erkennbar an dem geringeren Sterberisiko. Ein gemischtes Bild also.

Am besten sieht es in der zweiten Gruppe aus. Das sind Tumoren, die im Gefolge der Früherkennung seltener geworden sind und an denen man außerdem seltener stirbt. Beispiele sind Darm- und Gebärmutterhalskrebs, bei denen man nicht nur von Früherkennung, sondern von echter Vorsorge sprechen kann. Weniger gut sieht es in der dritten Gruppe aus - seltene Krebsformen, bei denen eine vermeintliche Früherkennung zu einer deutlichen Zunahme der Diagnosen geführt hat, ohne dass dies einen nennenswerten Einfluss auf die Häufigkeit rarer, aber aggressiver Tumoren hätte. Beispiele der Wissenschaftler sind Schilddrüsenkrebs und schwarzer Hautkrebs („Wir benötigen eine Definition von Krebs für das 21. Jahrhundert statt der aus dem 19. Jahrhundert, die wir benutzen“, sagte Otis Brawley, medizinischer Direktor der Amerikanischen Krebsgesellschaft, der New York Times. Brust- und Prostatakrebs seien die besten Beispiele, um das Problem zu umreißen. „Nach Datenlage haben ein Drittel der Frauen lokalisierte (eng begrenzte) Formen von Brustkrebs, die wie Krebs aussehen, diese Frauen aber niemals umbringen werden“, sagte Brawley der Washington Post. Viele Frauen würden unnötig bestrahlt oder bekämen die Brust abgenommen. „Wir “heilen“ diese Frauen mit ihren lokalisierten Tumoren, dabei brauchen sie gar nicht kuriert werden.“

Um Panik zu begegnen, schlagen die Wissenschaftler vor, das Wort Krebs für jene Krankheitsherde zu reservieren, die mit erheblicher Wahrscheinlichkeit zum Tod führen, wenn man sie nicht behandelt. Krebsvorstufen dagegen sollten nicht als Krebs bezeichnet werden. Ein Beispiel dafür ist das „duktale Karzinom in situ“, eine krankhafte Wucherung in den Milchgängen der Brustdrüse. „Ein duktales Karzinom in situ ist nicht Krebs, warum nennen wir es dann Krebs?“ sagt die Studienautorin Laura Esserman.

„Diese Kritik kann man nachvollziehen“, sagt Rudolf Kaaks vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. „In der Praxis besteht das Problem jedoch darin, die Grenze zwischen „aggressiv“ und „nicht-aggressiv“ zu ziehen.“ Es geht darum zu verstehen, welche vermeintlich harmlose Wucherung gefährlich werden kann. Das sehen die Mitglieder der Krebsforscher-Arbeitsgruppe nicht anders. Auch sie plädieren dafür, bessere Tests für Niedrigrisiko-Veränderungen zu entwickeln und Patienten mit solchen Veränderungen zu überwachen.

Keinesfalls wolle man die Fortschritte der Früherkennung leugnen, schreiben die Mediziner. Das entscheidende Ziel sei es, folgenschweren Krebs zu entdecken und belanglose Störungen auszublenden. Ihre Empfehlungen sehen die Forscher als Denkanstöße, Ärzte und Patienten sollten nun offen diskutieren.

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