Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Neuer Wirkstoff Teixobactin tötet resistente Bakterien

Baku, 9. Januar, AZERTAG

Kurz zum Arzt, Antibiotikum verschreiben lassen und bald ist man wieder fit - noch funktioniert das Prinzip bei den meisten Infektionen mit Bakterien. Doch der zum Teil leichtsinnige Einsatz von Antibiotika führt dazu, dass immer neue Erreger resistent werden. Im April 2014 warnte die WHO, dass Antibiotika-Resistenzen sich weltweit so stark verbreiten, dass gewöhnliche Infektionen bald wieder tödlich enden könnten.

Antibiotika zählen zu den wichtigsten Errungenschaften der Medizin. Die meisten wurden zwischen 1940 und 1960 entdeckt, doch es dauerte nicht lange, bis sie gegen diverse Erreger wirkungslos wurden. „Wir könnten in eine Vor-Antibiotika-Ära zurückfallen, in der bakterielle Infektionen nicht behandelbar sind“, erklären die Infektionsforscher. Die Resistenzen entwickeln sich deutlich schneller, als neue Antibiotika auf den Markt kommen.

Nun haben Schneider und Kollegen unter der Leitung von Kim Lewis von der Northeastern University in Boston eine Methode entdeckt, die das Resistenzproblem für einige Zeit lösen könnte - und sie fanden ein Antibiotikum, das zumindest bei Versuchen im Labor zahlreiche resistente Erreger zuverlässig abtötet.

Das Problem bisher: 99 Prozent der Bakterien wachsen nicht unter Laborbedingungen. Dabei werden zahlreiche Antibiotika von Pilzen und Bakterien hergestellt. Die Organismen produzieren die Stoffe, um sich gegen andere Arten zu wehren. Der Mensch hat sich die Gifte zu Nutze gemacht.

In verflüssigten Bodenproben konnten Schneider und Kollegen nun Bakterien im Labor untersuchen, die bislang unerreichbar waren. 10.000 von den Organismen produzierte Stoffe untersuchen sie und entdeckten dabei das hochwirksame Antibiotikum, das sie auf den Namen Teixobactin tauften. Seine Wirkung testeten sie an verschiedenen Krankheitserregern, die nicht mehr auf herkömmliche Antibiotika reagieren.

Das Ergebnis: Teixobactin tötet zahlreiche, resistente Bakterien zuverlässig ab - darunter auch hartnäckige Varianten des Tuberkulose-Bakteriums Mycobacterium tuberculosis. Tuberkulose gilt als eine der tödlichsten Infektionskrankheiten. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) litten 2013 schätzungsweise 480.000 Menschenan einer Form, gegen die die meisten Antibiotika nicht wirken.

Das Besondere an dem nun entdeckten Wirkstoff: Die Bakterien entwickelten in Labortests keine neuen Resistenzen. Resistenzen entstehen unter anderem, wenn Mikroorganismen die Antibiotikabehandlung überleben und sich evolutionär weiter entwickeln. Dann verändern sie etwa ihre Oberfläche so, dass Antibiotika sich nicht mehr an dieser binden können und wirkungslos werden.

Teixobactin allerdings greift Bestandteile der Zellwand an, die die Bakterien zum Überleben brauchen, berichten die Forscher im Fachmagazin „Nature“. Diese Zellbestandteile verändern sich im Zuge der Evolution nur sehr langsam. Hinzu kommt, dass das Antibiotikum die Bakterien gleich an mehreren Stellen attackiert. So entsteht ein doppelter Resistenzschutz.

„Die Wahrscheinlichkeit, dass sich mehrere Ziele des Teixobactin mehr oder weniger gleichzeitig verändern, ist sehr klein“, erklären deutsche Biochemiker.

Teixobactin wirkt ähnlich wie das Antibiotikum Vancomycin, das beispielsweise gegen multiresistente Staphylokokken eingesetzt wird. Bei Vancomycin hat es fast 40 Jahre gedauert, bis Resistenzen entstanden sind. Bei Teixobactin könne es sogar noch länger dauern, schreibt Gerard Wright von der McMaster University im kanadischen Hamilton in einem Begleitkommentar. Es bleibe aber abzuwarten, ob Bakterien nicht auch noch andere Resistenzstrategien entwickeln könnten.

John McKinney von der École polytechnique fédérale in Lausanne warnt vor zu großer Hoffnung: „Wenn ein neues Antibiotikum eingesetzt wird, ist es eine sichere Wette, dass nach einigen Jahren oder spätestens Jahrzehnten Resistenzen entstehen", erklärt er. Die Natur finde stets einen Weg.

Unklar ist auch, ob Teixobactin beim Menschen wirkt und von ihm vertragen wird. Erste Versuche mit Mäusen scheinen vielversprechend, doch: „Im Bereich der Antibiotikaentwicklung ist Misserfolg die Regel und Erfolg rar“ so McKinney. Die meisten Stoffe, die in vorklinischen Tests vielversprechend zu sein scheinen, würden bei Tests am Menschen versagen. Dennoch sei die Studie aufgrund der Möglichkeit, neue Bakterien im Labor zu untersuchen, bedeutend für die Zukunft.

"Teixobactin könnte nur die Spitze eines Eisbergs voller neuer Möglichkeiten sein", glaubt McKinney. Der deutsche Biochemiker Pos sieht das ähnlich: „Mit der Methode lassen sich sicherlich noch mehr Antibiotika-Kandidaten ausfindig machen“, glaubt er. Vielleicht seien darunter auch Arten, die die resistenten Keime bekämpfen könnten, die typischerweise in Krankenhäusern entstehen. Gegen die meisten von ihnen könne Teixobactin wegen einer anderen Bakterienstruktur nämlich nichts ausrichten.

Nun müssen weitere Tests in den kommenden Jahren zeigen, ob Teixobactin als Medikament infrage kommt - und wie viele andere neuartige Antibiotika noch im Boden stecken.

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