Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Nobelpreisträger Kenzaburo Oe gestorben

Nobelpreisträger Kenzaburo Oe gestorben

Baku, 13. März, AZERTAC

Der japanische Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe ist tot. Er starb im Alter von 88 Jahren, wie sein Verlag Kodansha am Montag mitteilte. Oe starb demnach bereits am 3. März an Altersschwäche.

Japans großer Nachkriegsautor war ein überzeugter Pazifist. Er forderte sein Land nach der Atomkatastrophe von Fukushima vor genau zwölf Jahren vergeblich zum Ausstieg aus der Atomkraft auf.

Oe war 1994 als zweiter japanischer Autor mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden. Die Schwedische Akademie ehrte den Autor für seine fiktiven Werke, in denen “poetische Kraft eine imaginäre Welt erschafft, in der sich Leben und Mythos zu einem beunruhigenden Bild der misslichen menschlichen Lage verdichten“.

Der Autor war bis ins hohe Alter ein steter Mahner und Warner - und scheute nicht davor zurück, gegen Bestrebungen der regierenden Konservativen nach Änderung der pazifistischen Nachkriegsverfassung klar Stellung zu beziehen.

“Ich mache es meinen Lesern nicht leicht“ - Oe war so etwas wie das soziale Gewissen Japans. Der frühere Bundeskanzler Willy Brandt meinte einmal, Oe spiele in seinem Land “offenbar dieselbe Rolle wie Günter Grass in Deutschland - den Nestbeschmutzer“. Beide Literaturnobelpreisträger - Oes Briefwechsel mit Grass erschien in Deutschland 1995 - thematisierten sowohl in Werk als auch in Tat die Lehren aus der schmerzlichen Vergangenheit ihrer Länder.

Für viele war Oe der erste moderne Schriftsteller Japans mit starken europäischen Einflüssen und Prägungen, nicht zuletzt durch den französischen Existenzialismus. Seinen literarischen Durchbruch erzielte Oe allerdings mit seiner frühen Erzählung “Der Fang“ (1958) über die Erlebnis- und Erfahrungswelt von Kindern durch Kriegseindrücke. Nicht immer war er - vor allem für Leser in der westlichen Welt - leicht lesbar.

Gern stellte Oe europäische Lesegewohnheiten auf den Kopf (“Ich mache es meinen Lesern nicht leicht“), sein literarischer Rang war aber bald und schon vor der Nobelpreisverleihung anerkannt - Henry Miller rückte Oe sogar in die Nähe eines Dostojewski. Oe selbst nannte seinen Erzählstil “grotesken Realismus“ und berief sich dabei gern auf den französischen Dichter François Rabelais (1494-1553).

Aber auch deutsche Autoren wie Grimmelshausen und Goethe beeindruckten ihn. Kurz vor seinem 80. Geburtstag kamen in deutscher Übersetzung seine autobiografischen Essays in “Licht scheint auf mein Dach“ heraus. Darin geht es um seinen geistig behinderten Sohn Hikari, der klassische Musik komponiert. Die Geburt seines Sohnes war auch Thema seines vielleicht bekanntesten Romans, des Meisterwerks “Eine persönliche Erfahrung“ von 1964. “Ein Akt der Selbstentblößung, wie ihn die europäische Literatur kaum kennt“, schrieb ein Kritiker dazu.

Das “schwarze Schaf“ der japanischen Literatur - In Japan war Oe Mitbegründer einer Bürgerorganisation, die sich für den Erhalt des Friedensartikels 9 der Nachkriegsverfassung einsetzt. Immer wieder meldete sich Oe, der lange als literarischer Einzelgänger oder linksintellektueller “Bürgerschreck“ galt, zu dem Thema zu Wort. Ein weiteres zentrales Thema für Oe, der am 31. Januar 1935 auf der Insel Shikoku im Südwesten Japans als Spross einer adligen Samurai-Familie geboren wurde und von seiner ländlichen Herkunft geprägt blieb, war der Atombombenabwurf auf Hiroshima.

“Hiroshima muss in unseren Erinnerungen eingeprägt sein: Es ist eine Katastrophe, die noch dramatischer als Naturkatastrophen ist, weil sie von Menschen gemacht ist. Dies durch dieselbe Missachtung für menschliches Leben in Atomkraftwerken zu wiederholen, ist der schlimmste Verrat an die Erinnerung der Opfer von Hiroshima“, sagte Oe in einem Interview nach der Atomkatastrophe von Fukushima.

Das schwedische Nobelpreiskomitee würdigte denn 1994 auch nicht nur Oes literarisches Schaffen, sondern auch seine Rolle als Sozialkritiker sowie Mahner vor kritikloser Verwestlichung seines Heimatlandes. Oe, der sich selbst einmal das “schwarze Schaf“ der japanischen Literatur nannte, zählte Thomas Mann zu seinen Vorbildern, wenn es um die Verbindung von literarischer und gesellschaftspolitischer Bedeutung ging.

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