Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Tod eines Gletscher-Giganten

Baku, den 15. Januar (AZERTAG).Der Pine-Island-Gletscher ist weltweit einer der größten seiner Art. Doch warmes Wasser greift ihn von unten an, der Verlust an Eis schreitet laut einer neuen Studie dramatisch voran. Schon bald dürfte es mit dem Giganten vorbei sein.

Der Pine-Island-Gletscher ist ein wahrer Gigant. 250 Kilometer lang, rund zwei Kilometer dick und 175.000 Quadratkilometer groß, transportiert er jedes Jahr Milliarden Tonnen Eis vom Westen der Antarktis in Richtung Amundsen-See. Doch der Riese schwächelt: Messungen zeigen, dass er seit Anfang der neunziger Jahre mehrere Meter an Dicke eingebüßt hat - und zwar jedes Jahr. Zuletzt sorgte der Gletscher im Juli 2013 für Schlagzeilen, als von seiner Zunge ein Eisberg von der Fläche Hamburgs abbrach.

Jetzt ist eine neue Studie zur Zukunft des Pine-Island-Gletschers erschienen. Behalten ihre Autoren recht, ist das Schicksal des Eisriesen besiegelt. Das Abschmelzen sei nicht mehr aufzuhalten, schreibt das Team um Lionel Favier vom Forschungszentrum CNRS im französischen Grenoble in der Fachzeitschrift „Nature Climate Change“. Schon von 1992 bis 2011 habe der Gletscher im Durchschnitt jedes Jahr 20 Milliarden Tonnen Eis verloren. Das entspreche 20 Prozent der Eisschmelze der westlichen Antarktis-Eisdecke. In den nächsten 20 Jahren aber werde der Masseverlust auf bis zu 100 Milliarden Tonnen pro Jahr steigen. Damit würde der Pine-Island-Gletscher im Alleingang zwischen 3,5 und 10 Millimeter zum globalen Meeresspiegel-Anstieg beitragen.

Der Teil des Eisriesen, der vom Land aus ins Meer ragt, sei in den vergangenen zehn Jahren um etwa zehn Kilometer kürzer geworden, so die Forscher. „Der Gletscher ist in eine Phase des selbsterhaltenden Rückzugs eingetreten“, sagte Gael Durand, einer der Autoren der Studie. „Sein Niedergang ist unumkehrbar.“

Wärmeres Wasser schmilzt Gletscher von unten ab - Die Studie passt zu den Befürchtungen, die sich zuletzt zur Gewissheit verdichtet haben. Noch vor einigen Jahren galt der Eispanzer der Antarktis als weitgehend immun gegen den Klimawandel. Doch im Mai 2012 erschien eine Studie, die Zweifel weckte. Warme Wasserströme greifen das Schelfeis von unten an und lassen gewaltige Mengen Inlandeis ins Meer rutschen.

Als Schelfeis werden große, auf dem Meer schwimmende Eisplatten bezeichnet, die mit einem Gletscher an Land verbunden sind und von deren Spitze immer wieder Eisberge abbrechen. Dieses Kalben, so hatten Forscher lange angenommen, sei für den größten Teil des Masseverlusts von Gletschern verantwortlich. Doch im Sommer 2013 überraschte eine Studie mit dem Ergebnis, dass das Schelfeis durch das warme Wasser von unten weit stärker abschmilzt als an den Rändern.

Auch der Rückgang des Pine-Island-Gletschers könne nun „eindeutig erklärt werden mit seiner größeren Fließgeschwindigkeit, ausgelöst durch das Schmelzen von unten“, schreiben Favier und seine Kollegen. Die Wissenschaftler haben vier unterschiedliche Szenarien für die Zukunft des Gletschers durchgerechnet. Das Endergebnis war immer das gleiche: Der Eisriese wird unweigerlich zerbröseln.

Basale Schmelze auch in der Ostantarktis - „Der Pine-Island-Gletscher ist passé, deshalb sinkt inzwischen auch das Forschungsinteresse daran“, sagt Hartmut Hellmer vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung, unter dessen Leitung die Studie von 2012 entstanden ist. Stattdessen wende sich die Wissenschaft zunehmend der Ostantarktis zu. Denn auch hier könnte die Schmelze von unten schon bald an Fahrt aufnehmen. So hatte ein internationales Forscherteam erst Anfang Dezember 2013 im Fachblatt „Nature Communications“ geschrieben, dass der Totten-Gletscher in der Australischen Antarktis vom sogenannten basalen Abschmelzen betroffen ist.

Noch ist die Situation in der Antarktis folgende: Die starke Meereisbildung vor der Schelfeiskante lässt kaltes und salzreiches Schelfwasser entstehen, das den warmen Küstenstrom daran hindert, auf den Kontinentalschelf vorzudringen und das Eis von unten anzugreifen. Doch in Zukunft werden aller Voraussicht nach höhere Lufttemperaturen für eine dünnere Meereisbedeckung und damit für eine geringere Eisbildung vor der Schelfeiskante sorgen. Das schwächt auch den Schutz gegen das wärmere Wasser.

„In den Simulationen lässt sich die Barriere nur dann wieder stärken, wenn man die Eisschmelze abschaltet und in der Atmosphäre die Bedingungen des 20. Jahrhunderts fortbestehen lässt“, sagt Hellmer. Doch in der Realität dürfte beides eher nicht passieren.

Das Ergebnis ist an den Küsten in vielen Weltregionen messbar: 2010 ist der Meeresspiegel im globalen Durchschnitt um 3,2 Millimeter angestiegen - etwa doppelt so viel wie in den zwei Jahrzehnten zuvor. Der Uno-Klimarat IPCC geht in seinem im September veröffentlichten neuesten Bericht davon aus, dass der Meeresspiegel bis zum Ende des Jahrhunderts um 26 bis 82 Zentimeter steigt - für zahlreiche Küstenstädte, insbesondere in ärmeren Ländern, eine massive Bedrohung.

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