Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Tropenmediziner wollen Loa loa enträtseln

Baku, den 15. März (AZERTAG). Zehn Millionen Menschen in Afrika tragen den Fadenwurm Loa loa im Körper. Er wandert durch das gesamte Gewebe, auch durch die Augen. Die Infektion ist wenig erforscht - zwei deutsche Tropenmediziner wollen nun in Gabun forschen, um mehr über das tückische Leiden zu erfahren.

Der angehende Arzt starrte ungläubig auf die Probe unter seinem Mikroskop. Wolfram Metzger hatte einer Freundin, Krankenschwester im Albert-Schweitzer Hospital in Lambaréné (Gabun), Blut abgenommen. Sie klagte über Kopfweh und Müdigkeit, Metzger hatte eine Malaria-Erkrankung vermutet. Weil er gerade eine immunologische Studie durchführte, legte er von der Probe noch eine Kultur an. Mit dem Ergebnis hatte er nicht gerechnet. Zwischen den Zellen der Frau wimmelte es von jungen Würmern. Ihr Blut war voller Larven des Fadenwurms Loa loa, erinnert sich Metzger, der heute am Tropeninstitut in Tübingen arbeitet.

„20 Jahre sind seither vergangen, und wir wissen immer noch nicht viel über diese Krankheit“, sagt sein Kollege Benjamin Mordmüller, Vizedirektor des Tropeninstituts. Man wisse auch nicht, wie man sie adäquat therapieren kann. Um das zu ändern, planen die beiden Tropenmediziner jetzt ein Forschungsprojekt in Gabun. Über den aktuellen Wissensstand berichten sie in der Fachzeitschrift „Lancet Infectious Diseases“, am Samstag wird das Vorhaben auf der Jahrestagung der deutschen Gesellschaft für Tropenmedizin in Düsseldorf vorgestellt.

Etwa zehn Millionen Menschen in Afrika sind von Loa loa befallen. Unter den zehn zentralafrikanischen Ländern, in denen die Krankheit vorkommt, sind die Würmer vor allem in Gabun und Äquatorialguinea sehr weit verbreitet. Loa loa zählt ebenso wie die Flussblindheit oder die ebenfalls durch Würmer ausgelöste Schistosomiasis zu den vernachlässigten Tropenkrankheiten (Neglected Tropical Diseases, kurz NTD) - nur ist Loa loa noch weniger bekannt.

Eine halbe Stunde lang im Auge sichtbar - „Vernachlässigt“ werden alle NTD. Die Erkrankungen kommen in wohlhabenden Gesellschaften nicht vor und so wird wenig Forschung betrieben, um Medikamente oder Bekämpfungsmaßnahmen zu finden, sagt Bernhard Fleischer, Mikrobiologe am Bernhard Nocht Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Die Infektionen entstehen meist an Orten mit schlechter Wasserhygiene und eingeschränktem Zugang zur Gesundheitsversorgung, betroffen sind somit meist ärmere Länder. Daher die Bezeichnung „tropisch“.

Die NTD fallen national und international weniger auf, weil sie die Patienten nicht direkt umbringen, obwohl sie zu chronischem Siechtum führen. Weltweit gelten mehr als 1,4 Milliarden Menschen mit NTD infiziert, darunter 500 Millionen Kinder. Damit belasteten diese Krankheiten die Weltgesundheit stärker als Malaria und Tuberkulose.

NTD sind tückisch. Nach Jahren einer zunächst stillen Infektion kann es zu schweren Beeinträchtigungen kommen. Die Erreger sind vielfältig: Würmer, einzellige Parasiten, Bakterien, Viren. Und genauso vielfältig sind die Folgen. Sie reichen von Blindheit, Verstümmelung, Leberzirrhose, Immunschwächung bis zu Krebs, sagt Experte Fleischer. „Wenn sie nicht rechtzeitig entdeckt und behandelt werden, ist der Schaden irreversibel“.

Bei Loa loa übertragt eine Bremse mehrere winzige Larven des Wurmes, diese wandern durch den Körper, reifen zu großen Würmern und sammeln sich im Gewebe an, erklärt Metzger. Auf ihrer Wanderschaft durch den Körper gelangen sie gelegentlich auch in die oberflächlichen Schichten des Auges. Etwa eine halbe Stunde sind sie dann von außen sichtbar. Die Behandlung der Betroffenen ist schwierig. Das von der WHO empfohlene Medikament ist Diethylcarbamazin. Doch bei der Therapie zerfallen die Würmer, durch die Zerfallsprodukte kann es zu lebensbedrohlichen Zwischenfällen wie hohem Fieber kommen.

Forschung als Ausbildungsprojekt - Um endlich mehr über die Loa loa zu erfahren, planen Metzger und Mordmüller jetzt in Gabun ein Forschungsprojekt. In einem ersten Schritt wollen Sie die Frage klären, ob die Loiasis, wie die Infektion mit Loa loa genannt wird, überhaupt eine Krankheit im Sinne der öffentlichen Gesundheit (Public Health) ist. Dies würde bedeuten, dass mehr Forschungsgelder beantragt werden könnten, um etwa die Therapie von Loa loa zu verbessern.

Die zwei Tropenmediziner wollen klären, wie schwer Arbeit und Alltag der Menschen von der Krankheit beeinträchtigt wird. Im Fachjargon heißt das, ob der Infektion eine Krankheitslast, Disease Burden genannt, zugeordnet werden kann. Die zahlreichen dokumentierten Einzelfälle deuten zwar darauf hin, aber es fehlt der wissenschaftliche Beleg. Dafür wollen die beiden Tropenmediziner die Landbevölkerung von Dörfern in Gabun über zwei Jahre hinweg beobachten und sämtliche Infektionen und Symptome dokumentieren.

Das Kernstück der Krankheitslast ist die Berechnung der sogenannten Dalys (Disability Adjusted Life Years, von der Krankheit beeinträchtigte Lebensjahre). Dieser Indikator ist heutzutage wichtiger für Entscheidungsträger in der Gesundheitspolitik. Da die Methodik in Afrika noch nicht sehr verbreitet ist, planen sie ihre Forschung als Ausbildungsprojekt für afrikanische Studenten und Kollegen im Rahmen einer deutsch-afrikanischen Kooperation.

In Afrika seien viele Menschen an Loa loa erkrankt und es werde wenig unternommen. Das muss nicht sein, findet Metzger. „Stellen sie sich vor, in Deutschland hätten zehn Millionen Menschen Würmer im Blut. Egal welche Symptomatik, man würde Wahnsinnsprogramme auflegen, um die Plage loszuwerden.“

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