Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Warum müssen wir sterben? Forscher beantworten uralte Menschheitsfrage

Baku, 5. Januar, AZERTAG

Die Evolution hat früh Unsterblichkeit hervorgebracht. Doch aus verschiedenen Gründen ist dieses Prinzip auf den Menschen nicht übertragbar. Forscher versuchen herauszufinden, wie alt wir tatsächlich werden könnten.

Am Beginn der Evolution stand Unsterblichkeit: Bakterien, Schwämme oder Wasserpolypen - sie alle sind potenziell unsterblich, solange die äußeren Rahmenbedingungen stimmen. Sie können gefressen werden und so den Tod finden. Aber sie altern nicht.

Alles, was höher entwickelt ist, altert. Und stirbt irgendwann. Der Mensch in westlichen Ländern nach etwa 80 Jahren.

Damit ist er der beste Beweis dafür, dass der Alterungsprozess manipulierbar ist: Noch 1870 lag die mittlere Lebenserwartung eines Mannes bei 35 Jahren.

Die Gene haben sich seitdem kaum verändert, aber Hygiene und Ernährung sind deutlich besser. Weniger Menschen müssen körperlich hart arbeiten, sie haben besseren Zugang zu medizinischer Versorgung. „Auch 1870 gab es 80-Jährige, aber seltener. Und viel weniger Kinder haben es geschafft, überhaupt das Erwachsenenalter zu erreichen“, sagt Martin Denzel vom Max-Planck-Institut für Biologie des Alterns, der die Fachgruppe Metabolische und genetische Regulation des Alterns leitet.

Neben Medizin, Hygiene und guter Ernährung sind Frieden und Wohlstand weitere Hauptfaktoren für ein langes Leben. Doch selbst die reichsten Gesellschaften mit den verantwortungsbewusstesten Bürgern bringen keine Methusaleme hervor. Die älteste Frau wurde 122 Jahre alt. Das bedeutet weder, dass kein Mensch älter werden kann als sie, noch, dass jeder 122 werden kann.

„Bis die reproduktive Phase erreicht ist und während sie andauert, funktionieren die biologischen Mechanismen, die uns jung halten, hervorragend“, erklärt Humanbiologe Denzel. „Die DNA, Zellen, Proteine werden beständig repariert und gepflegt. Der Körper steuert dem normalen Verfallprozess massiv entgegen.“ Bis die reproduktive Phase vorbei ist.

Danach setzt das Altern akut ein: „Die Krebsraten steigen, Herz-Kreislauf-Probleme werden häufiger, Nerven degenerieren, Abnutzungserscheinungen an Knochen und Gelenken nehmen zu.“ Dazu komme es, weil es evolutiv keinen Nutzen hat, so alt zu werden, meint der Zoologe Gerhard Haszprunar, Generaldirektor der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns und Lehrstuhlinhaber der Ludwig-Maximilians-Universität München.

„Schon mit den heutigen 80 Jahren oder mehr ist der Mensch weit jenseits dessen, was evolutiv vorgesehen ist. Er ist ein Produkt der Evolution und darauf getrimmt, sich fortzupflanzen und das Überleben seiner Nachkommen zu sichern.“ Weil die Nachfahren unterschiedlich sind, werden einige von ihnen besser angepasst sein und sich häufiger fortpflanzen. So entstehen neue Arten. Und unsere Gene überleben, zumindest ein Teil davon.

Ethnologische Studien zeigen allerdings, dass auch Alte jenseits der fruchtbaren Phase das Überleben der Gruppe mitbestimmen: Die meisten Naturvölker haben einen Ältestenrat, der Wissen und Erfahrungen einbringt und so die Lebenschancen aller erhöht.

Doch auch der Älteste und Weiseste stirbt irgendwann. „Eine Theorie besagt, dass es evolutiv sinnvoll ist, zu sterben: Dadurch macht das Individuum Platz für die nächste Generation. Denn der größte Konkurrent um Ressourcen ist immer der Artgenosse“, sagt Haszprunar. „Möglicherweise erhöht der eigene Tod ab einem bestimmten Zeitpunkt die Überlebenschancen der Nachkommen.“

Trotzdem bleibt rätselhaft, wie das Zusammenspiel zwischen Veranlagung, Verhalten und Umwelt genau funktioniert, und wie weit sich die Spanne der mittleren Lebenserwartung noch dehnen lässt. Experten gehen davon aus, dass sie in wohlhabenden Ländern auch weiterhin ansteigen wird. Je nach Fortschritt der Wissenschaft, beispielsweise in der Stammzellforschung, sind noch etliche zusätzliche Jahre denkbar.

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