Wer nicht twittert, hat in China verloren
Baku, den 22.Oktober (AZERTAG). Viele junge Chinesen verbringen ein Großteil ihres Lebens im Internet. Wer Kunden will, muss sie dort abholen. Doch die chinesischen Pendants von Facebook und Twitter haben ihre eigene Gesetze.
In den Tassen, auf den Tellern: überall Schokolade. Wie das duftet! Doch die beiden jungen Mädchen lassen sich nicht ablenken. Sie blicken unentwegt auf ihre Smartphones.
An diesem Nachmittag ist im Whisk Choco, einem angesagten Café in der Nähe der Shanghaier Stadtbibliothek, nur das wirklich wichtig, was bei Sina Weibo, der chinesischen Version von Twitter, passiert.
Die Chinesinnen - die schwarzen Haare zum Dutt geknotet, mit kurzen Röcken und Stöckelschuhen - sitzen schweigend über ihren Telefonen, sie lesen und wischen mit den Fingerspitzen über die Displays.
Einen Tisch weiter ein ähnliches Bild: Zwei junge Männer, beide mit Turnschuhen und aufwendig gefönten schwarzen Haartollen, blicken gebannt auf ihre Handys - auf das, was bei Sina Weibo und RenRen, dem chinesischen Facebook, geschieht.
Bonita Wu kann darüber nur den Kopf schütteln. „Das ist bei jungen Chinesen sehr verbreitet“, sagt die 24-Jährige, „die verbringen gefühlt ihr ganzes Leben in Sozialen Netzwerken.“ Auch wenn sie ihre Freizeit lieber anders verbringt, muss Bonita Wu ihre Altersgenossen verstehen lernen. Sie arbeitet bei einer Werbeagentur in Shanghai. Soziale Netzwerke sind eines größten Wachstumsfelder für ihren Arbeitgeber.
Jeder zweite ist in einem Sozialen Netzwerk-Das ist kein Wunder, wächst doch die Zahl der chinesischen Internetnutzer stetig weiter; dem China Internet Network Information Center zufolge auf nun mehr als 513 Millionen. China hat mehr Internetnutzer als Europa Einwohner.
Knapp die Hälfte der 513 Millionen ist in mehr als einem Sozialen Netzwerk angemeldet.
Für Unternehmen sind RenRen, Sina Weibo, QQ und Youku deshalb inzwischen unverzichtbar - sowohl für westliche als auch für chinesische Firmen führt kein Weg an einer gut gemanagten Social-Media-Präsenz vorbei.
Doch die chinesischen Netzwerke unterscheiden sich in vielen Punkten von ihren westlichen Gegenstücken.
Nicht alle Unternehmen, die dort unterwegs sind, haben das schon erkannt: Sie machen Fehler - und vertun damit die Chance, die chinesischen Kunden von heute und morgen zu gewinnen. Einige Analysten gehen sogar so weit, ein Scheitern in Sozialen Netzwerken mit einem totalen Misserfolg im Reich der Mitte gleichzusetzen.
Dabei ist es nicht nur die Menge der Sozialen Netzwerke in China, die die Firmen vor Herausforderungen stellt. Der Ton, die Zielgruppe, der Inhalt der Botschaften - all das unterscheidet sich von dem, was Firmen bei Facebook oder Twitter vorfinden und veröffentlichen.
Beide Seiten sind seit 2009 in China gesperrt, seitdem sprießen die lokalen Alternativ-Seiten.