Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Zahl der medizinisch nicht notwendigen Kaiserschnitte steigt

Zahl der medizinisch nicht notwendigen Kaiserschnitte steigt

Baku, 4. Juli, AZERTAC

In Brasilien bringt mehr als jede zweite Frau ihr Kind im Operationssaal zur Welt, nur in der Dominikanischen Republik ist die Kaiserschnittrate noch höher. Nach einem Appell der WHO sucht das Land jetzt nach Lösungen.

Heftige Wehen, laute Schreie - vielen werdenden Müttern zittern beim Gedanken an den Kreißsaal die Knie. Bei vielen ist die Angst so groß, dass sie ihr Kind lieber in einem Operationssaal zur Welt bringen, als eine natürliche Geburt zu erleben. Die Zahl der medizinisch nicht notwendigen Kaiserschnitte steigt laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) weltweit. Besonders prekär ist die Situation in Brasilien.

In dem südamerikanischen Land holen Ärzte mehr als jedes zweite Kind mit einem chirurgischen Eingriff auf die Welt. Mit einer Rate von 55,6 Prozent gehört Brasilien nach WHO-Angaben zu den weltweiten Anführern der Kaiserschnitt-Liste. Mehr Geburts-OPs gibt es nur in der Dominikanischen Republik (56,4 Prozent). Allerdings hat der kleine Karibikstaat nur ein Zwanzigstel der rund 200 Millionen Einwohner Brasiliens.

Der Kaiserschnitt als Erlösung - „Die natürliche Entbindung ist in Brasilien besonders schmerzhaft und riskant", sagt die Ärztin Carmen Simone Diniz, Koordinatorin der 2014 erschienenen Studie „Nascer no Brasil" („In Brasilien geboren werden"). Schuld sei das Gesundheitssystem. Laut Diniz werden viele von der WHO empfohlene Richtlinien nicht übernommen:

Die Frauen könnten zum Beispiel nicht selbst bestimmen, in welcher Position sie gebären wollten.

Zudem werde für gewöhnlich das wehenfördernde Hormon Oxytocin verabreicht, das die Schmerzen verstärke. Dadurch werde der Kaiserschnitt zur „Erlösung".

Suzanne Serruya von der WHO in Brasilien kritisiert, dass Schwangere oft nicht ausreichend über die Eingriffe informiert würden und Vorurteile gegen eine normale Entbindung hätten. Dies mache den Kaiserschnitt in Brasilien nicht nur zu einem „Problem des öffentlichen Gesundheitssystems", sondern auch zu einer „kulturspezifischen Angelegenheit“.

Die Operation ist lukrativer - Zu den medizinischen kommen finanzielle Aspekte. Der Kaiserschnitt sei für Ärzte und Kliniken lukrativer als normale Geburten, sagt Etelvino Trindade, Präsident des brasilianischen Verbandes für Gynäkologie und Geburtshilfe. Mit festgelegten OP-Terminen lasse sich die Belegung der Krankenhäuser besser planen. „Das kann man nur mit einem Kaiserschnitt." Auf lange Sicht allerdings bringt die Vielzahl an Eingriffen enorme Kosten für Staat und Gesundheitswesen.

Durch den Eingriff erhöht sich die Gefahr von Atemwegserkrankungen bei Babys nach Angaben des brasilianischen Gesundheitsministeriums um bis zu 120 Prozent. Das Risiko, dass die Mutter bei der Geburt stirbt, steige um das Dreifache. „Aufgrund all der Risiken, die jede Operation mit sich bringt, sollte sie stets die Ausnahme bleiben", sagt die brasilianische WHO-Expertin Serruya. „Kaiserschnitte können Leben retten. Doch es ist wissenschaftlich unumstritten, dass die Geburt normal verlaufen sollte.“

Mit neuen Vorschriften versucht Brasilien, der Entwicklung zur Kaiserschnitt-Nation entgegenzuwirken. In einem Pilotprojekt mit mehr als zwei Dutzend Krankenhäusern werde die Geburtshilfe verbessert, sagt der brasilianische Gesundheitsminister Arthur Chioro. Das Klinikpersonal wird nach Angaben der Behörde geschult, die Betreuung auf den Stationen kontrolliert. Auch die werdenden Mütter würden in Zukunft besser über normale Geburten informiert werden.

Zudem treten im Juli neue Richtlinien in Kraft. So müssen Krankenkassen von diesem Monat an Versicherte über den prozentualen Anteil von Kaiserschnitten informieren, die von einzelnen Ärzten und Krankenhäusern vorgenommen werden. Brasilien hofft, dass den werdenden Müttern so die Angst vor einer normalen Geburt genommen werden kann, damit sie sich in Zukunft nicht gezwungen sehen, unnötige Risiken einzugehen.

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