Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Barbaren im Elsass

Baku, den 16. November (AZERTAG). Das Elsass ist ein kultureller Schmelztiegel. Hier trafen schon immer ganz unterschiedliche Menschen aufeinander und versuchten, miteinander zu leben. Französische Archäologen haben ein eindrucksvolles Beispiel nahe der Stadt Obernai gefunden: eine Frau mit deformiertem Schädel.

Sie muss zu Lebzeiten in ihrer neuen Heimat ein seltener Anblick gewesen sein. Ihr Kopf zog sich lang nach hinten. Die Mutter oder die Amme hatte, den Schönheitsidealen ihrer Kultur entsprechend, ihr einst als Baby den Kopf in Bretter gebunden. Die weichen Knochenplatten hatten sich verformt, der langgezogene Schädel war ihr ein Leben lang geblieben. So wurde es gemacht bei den reich geborenen Mädchen in ihrer alten Heimat fern im Osten, bei den Sarmaten, bei den Alanen, bei den Hunnen. So konnte schon jeder von weitem erkennen, dass diese Frau hochgeboren, etwas ganz besonderes war. In ihrer neuen Heimat aber war sie mit ihrem langen Schädel eine Exotin. In den Tälern des Elsass, wo sie starb, empfand sie wahrscheinlich niemand als schön.

Zeit der Völkerwanderung - Sie lag auf einem kleinen Friedhof in der Nähe der Stadt Obernai. Die Stätte ist ein eindringliches Beispiel dafür, wie kulturell durchwachsen diese Region nicht nur heute ist, sondern schon immer war. Achtzehn Tote fanden hier in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts nach Christus ihre letzte Ruhestätte. Der langgezogene Schädel war nicht der einzige Hinweis auf ihre Herkunft aus dem Osten. Eine andere Frau auf dem kleinen Friedhof war mit reichen Beigaben bestattet worden. Sie trug an ihrem Gürtel zwei Anhänger, so genannte Châtelaines, an denen ein Silberspiegel, mehrere große Perlen aus Glas und Bernstein sowie ein Beautyset mit Pinzette und Ohrenschaber baumelten. Schönheit war der Frau offenbar wichtig gewesen: Neben ihr lag auch noch eine dreieckige Haarbürste aus Geweih, verziert mit geometrischen Mustern und Pferdeköpfen. „Der Spiegel stammt ebenfalls von einem Volk aus dem Osten: von Sarmaten, Alanen oder vielleicht auch Hunnen“, bestätigt Grabungsleiter Clément Féliu in einer E-Mail an Spiegel Online. „Andere Funde aus dem Friedhof dagegen sind eher germanisch.“ Drei silberne Ohrringe zum Beispiel entsprachen der Art, wie sie im 5. Jahrhundert im Westen Europas in Mode war.

Die Einwanderer aus dem Osten waren anscheinend kulturell äußerst offen. Was ihnen bei den neuen Nachbarn gefiel, wollten sie auch haben. „Dieser Mix aus Objekten aus West und Ost kommt daher, dass die Einwanderer viel Kontakt zu anderen Völkern hatten“, erläutert Féliu, der zusammen mit Kollegen vom französischen Institut National de Recherche Archéologiques Préventives (INRAP) die Funde analysiert.

Wer waren diese Toten? Und wie und warum kamen sie ins Elsass? Im frühen 5. Jahrhundert war die Völkerwanderungszeit im vollen Gange. Ganze Völker und Stämme verließen ihre Heimat und zogen in neue Gebiete - was bekanntermaßen nicht immer friedlich ablief. Um die Grenzen zu sichern, holten die Römer oft Hilfe vom einen Ende des Reiches ans andere. „Es handelt sich bei den Toten aus Obernai vielleicht um eine kleine Gruppe östlicher Barbaren, die von den Römern hierher geholt wurden, um den Limes zu bewachen“, vermutet Féliu. „Es ist jedenfalls das erste Mal, dass wir einen ganzen Friedhof von Sarmaten, Alanen oder Hunnen im Elsass gefunden haben.“

Kultureller Hotspot in der Jungsteinzeit - Doch schon lange bevor die Barbaren aus dem Osten kamen, war das Gelände des heutigen Industrieparks bei Obernai ein kultureller Hotspot. Die frühesten Funde, die Féliu und sein Team machten, stammen bereits aus der Jungsteinzeit. Etwa zwanzig Gräber entdeckten die Archäologen im südöstlichen Teil der Grabungsfläche, die ältesten davon datieren zwischen 4900 und 4750 vor Christus. Die meisten der Toten trugen Anhänger oder Armbänder aus kleinen Stein- oder Perlmuttperlen. Einer von ihnen war mit größeren Steinen bedacht worden: Seine Oberarme steckten in riesigen durchbohrten Steinscheiben. Außerdem waren die Jungsteinzeitler für das Nachleben reich mit Keramik und Steinwerkzeugen versorgt worden. Ihre Töpfe verraten auch, wer sie waren. Die Verzierungen aus weiß eingelegten doppelstichigen Bändern und Girlanden sind typisch für die Großgartach-Kultur, die in der ersten Hälfte des 5. Jahrtausends vor Christus Südwestdeutschland, das Ruhrgebiet, Unter- und Mittelfranken sowie den Nördlinger Ries vom Elsass bis in den Raum von Erfurt besiedelte.

Später kamen die Gallier. Sie bauten einen großen Hof, dessen einer Eingang von einer monumentalen Pforte geschmückt wurde. Dem Hofherren ging es gut: Wer auch immer hier lebte, war reich - davon erzählen Broschen, Glasornamente, das feine Geschirr und viele Münzen. Möglicherweise lag neben dem Hofkomplex sogar ein Heiligtum. Denn wenn Gallier den Göttern Waffen zum Opfer darboten, dann zerstörten sie diese. Und in einer Grube fanden die Ausgräber zwei zerbrochene Schilde, ein Schwert, eine Speerspitze und einen Teil eines Instrumentes, „vielleicht eine Trompete, ein Horn oder eine carnyx“. Die meisten Gegenstände in dieser Sammlung waren zerbrochen oder zerstört. „Und die Schäden, die wir sehen können, stammen nicht von einem Kampf, sondern sind eher typisch für eine kultische Zerstörung“, schreibt Féliu.

Auch Kinder und Tiere waren auf dem Gelände begraben - so lagen zum Beispiel zwei Kinder und mehrere Hunde gemeinsam in einer Grube. Wer waren diese Gallier? Gehörten sie zum Stamm der Mediomatriker, die das heutige Ostfrankreich, das Saarland und die Rheinland-Pfalz besiedelten? Oder waren es Rauriker vom südlichen Oberrhein, die in dem Tempel ihre Götter verehrten? Auch hier wieder ist der Ort geprägt vom Miteinander und Durcheinander verschiedener Kulturen. „Diese Funde und die Lage der Siedlung im Grenzgebiet zwischen Mediomatrikern und Raurikern machen die Stätte sogar zu einer der bedeutendsten dieser Periode im ganzen Elsass“, freut sich Féliu.

 

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