Internationales wissenschaftliches Symposium zum Epos „Kitab-i Dede Qorqud“ in Dresden
Berlin, 3. Oktober, AZERTAC
Am 2. Oktober fand in Dresden das internationale wissenschaftliche Symposium zum Thema „Kitab-i Dede Qorqud“ im Kontext des Kulturerbes der Turkvölker und der Weltepen“ statt. Veranstalter waren die Botschaft der Republik Aserbaidschan in Deutschland, die Aserbaidschanische Sprachenuniversität (ADU) und die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB). Unterstützt wurde die Veranstaltung von der Botschaft und dem Aserbaidschanischen Kulturzentrum in Berlin.
Wie AZERTAC berichtet, nahmen an der Veranstaltung in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden namhafte Wissenschaftler, Forscher und Kulturwissenschaftler sowie Vertreter der Diaspora aus Aserbaidschan, Deutschland, der Türkei und Italien teil.
Katrin Stump, Generaldirektorin der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, eröffnete das Symposium mit einem Grußwort und zeigte sich erfreut darüber, dass in Dresden erneut ein internationales Symposium diesem Epos gewidmet wird. Sie wies darauf hin, dass die Originalhandschrift derzeit in einer Vitrine ausgestellt ist, und zwar mit der Eröffnungsseite des Abschnitts, in dem Basat Täpägöz besiegt. Katrin Stump erklärte, dass nach vielen Jahren eine hochwertige Faksimile-Ausgabe der Handschrift erstellt worden sei. Die Generaldirektorin betonte zudem, dass das Symposium als Fortsetzung der historischen, philologischen und kulturwissenschaftlichen Erforschung des Epos den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen Raum gebe. Sie würdigte zugleich die enge und erfolgreiche Partnerschaft mit der aserbaidschanischen Botschaft und der Aserbaidschanischen Sprachenuniversität bei der Erforschung dieses einzigartigen Kulturerbes.
Martsena Schöne, Vertreterin des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft, Kultur und Tourismus, bezeichnete die Digitalisierung der Dresdner Handschrift als beispielhaften Schritt, um altes Wissen künftigen Generationen zugänglich zu machen. Dadurch werde ein uneingeschränkter Zugang von Baku und Ankara bis zu jedem wissenschaftlichen Zentrum der Welt ermöglicht. Die Vertreterin des Ministeriums betonte, dass das Epos, die vollständigste bekannte Fassung des Nationalepos der Oghusen – der Aserbaidschaner und aller Turkvölker –, ein reiches kulturelles Erbe darstelle. Martsena Schöne betonte, dass kulturelles Erbe keine Grenzen kenne, zugleich aber Brücken brauche. Das Erbe des Dede Qorqud sei über den politischen und wirtschaftlichen Rahmen hinaus zu einem Symbol der lebendigen kulturellen und wissenschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Sachsen und Aserbaidschan geworden.
Nasimi Aghayev, Botschafter Aserbaidschans in Deutschland, erklärte bei seiner Rede, dass Kulturerbe nicht nur die Vergangenheit bewahre, sondern auch heute starke Brücken zwischen den Völkern schlage. Der Diplomat bezeichnete es als bemerkenswert, dass die einzigartige Handschrift, die zwei Weltkriege und die Erschütterungen der Geschichte überstanden habe und über Jahrhunderte hinweg bewahrt worden sei, unversehrt bis in die Gegenwart erhalten geblieben sei. Er dankte dem gesamten Team der Bibliothek für die sorgfältige Bewahrung der Handschrift. Der Botschafter betonte, dass die hohe Wertschätzung und sorgfältige Aufbewahrung dieses geistigen Schatzes in Dresden den Beziehungen zwischen Aserbaidschan und Deutschland einen besonderen kulturellen Wert verleihe.
Nasimi Aghayev hob hervor, dass die Handschrift Grenzen überschreite und Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern an einem Ort zusammenbringe. Damit trage sie durch Kultur und Wissenschaft dazu bei, den Geist der internationalen Verständigung und Einheit weiter zu stärken.
Prof. Dr. Kamal Abdulla, Rektor der Aserbaidschanischen Sprachenuniversität und Akademiemitglied würdigte insbesondere den humanistischen Umgang der deutschen Orientalistik mit der orientalischen Kultur sowie die sorgfältige und wertschätzende Bewahrung dieses enzyklopädischen Denkmals in Dresden. Er verwies darauf, dass der 200. Jahrestag der ersten Veröffentlichung des Epos in deutscher Sprache auf Erlass des Präsidenten von Aserbaidschan, Ilham Aliyev, auf staatlicher Ebene begangen worden sei. Dies sei Ausdruck der hohen Bedeutung, die Aserbaidschan dem Schutz seines Kulturerbes und der internationalen wissenschaftlichen Forschung beimesse. Kamal Abdulla betonte, dass der Geist des Epos und die ihm zugrunde liegenden alten Überzeugungen weit in die Zeit vor seiner Niederschrift zurückreichten. Die Präsentation der Faksimile-Ausgabe der Dresdner Handschrift bezeichnete er als ein bedeutendes wissenschaftliches Ereignis.
Anschließend wurde die Faksimile-Ausgabe des Epos „Kitab-i Dede Qorqud“ vorgestellt. Hervorgehoben wurde, dass der hochwertige Druck der Faksimile-Ausgabe neue Möglichkeiten für die Erforschung des Erbes von Dede Qorqud eröffnen werde.
Nach den Eröffnungsreden wurde das Symposium mit mehreren Podiumssitzungen fortgesetzt.
Die erste Podiumssitzung stand unter dem Thema „Das Dede-Qorqud-Epos: Handschriftenerbe, historisches Gedächtnis und Kultur der Turkvölker“. Prof. Dr. Eva-Maria Auch, Humboldt-Universität zu Berlin übernahm die Moderation. Sie betonte, dass das Erbe von Dede Gorgud nicht nur das Erbe eines einzelnen Volkes, sondern auch Ausdruck des menschlichen Geistes und einer lebendigen Kultur sei, die das Herz des Menschen berühre. Sie unterstrich die Bedeutung eines intensiven Dialogs, um die zwischen Ost und West geschaffenen Brücken lebendig zu erhalten
Akademiemitglied Kamal Abdulla verwies in seinem Vortrag darauf, dass der Orientalist Heinrich Friedrich von Diez 1815 die Episode über Täpägöz mit der Polyphem-Episode aus Homers „Odyssee“ verglichen und dabei Täpägöz höher bewertet habe. Dies bezeichnete er als ein historisches Beispiel dafür, dass das Denken des Ostens und des Westens in dieselbe Richtung geblickt habe.
Prof. Dr. Nizami Jafarov, Direktor des Atatürk-Zentrums, Akademiemitglied, bezeichnete das Epos „Dede Qorqud“ als „schriftlichen Pass“ des aserbaidschanischen Volkes. Im Unterschied zum Epos „Koroghlu“ erfülle es die Rolle eines grundlegenden schriftlichen Denkmals. Das Epos spiegle die Konturen der historischen und ethnografischen Landkarte Aserbaidschans präzise wider, betonte er.
Prof. Dr. Mukhtar Imanov, Leiter des Lehrstuhls für aserbaidschanische Literatur an der Aserbaidschanischen Sprachenuniversität, Akademiemitglied, analysierte internationale Motive im Epos. Anhand der Gestalten von Deli Domrul und Herakles erläuterte er wissenschaftlich die Ebenen des alten Glaubens an die Götter sowie der islamischen Weltanschauung und ging auf die Idee ein, dass die Liebe den Tod besiegt.
Prof. Dr. Cihangir Kızılözen, Gümüşhane-Universität (Türkei), analysierte die sprachlichen Ebenen des Textes unter Anwendung der modernen Methode der „Fuzzy Logic“. Dabei wies er darauf hin, dass Passagen in der Dresdner Handschrift, die als Transkriptionsfehler angesehen würden, tatsächlich genaue Zeugnisse einer jahrtausendealten schriftlichen Tradition seien.
Bei der zweiten Podiumssitzung unter dem Titel „Dede Qorqud und das weltepische Erbe: Vergleichende Ansätze und neue Forschungsperspektiven“, die von Dr. Michael Hess moderiert wurde, standen strukturelle und semantische Parallelen des Epos „Dede Qorqud“ zur europäischen und zur Weltliteratur im Mittelpunkt.
Prof. Dr. Burak Eke, Direktor der Stiftung für Sprache und System, Türkei, verwies in seinem Vortrag auf neue Möglichkeiten der Erforschung des Epos aus Sicht der modernen Sprachwissenschaft und digitalen Methodik, insbesondere im Bereich der künstlichen Intelligenz und der digitalen Geisteswissenschaften.
Prof. Dr. Klaus Wolff, Universität Augsburg, stellte tiefgreifende intertextuelle Parallelen zwischen dem mittelhochdeutschen Epos „Kudrun“ und dem Epos „Kitab-i Dede Qorqud“ heraus und bezeichnete diese als literarisches Symbol der Freundschaft zwischen Aserbaidschan und Deutschland.
Prof. Dr. Jalil Nagiyev, Leiter des Lehrstuhls und an der Staatlichen Universität Baku, verwies auf motivische und inhaltliche Parallelen des Epos zur altgriechischen Mythologie. Das Werk verfüge über zahlreiche reichhaltige Ebenen, die weiterhin erforscht werden müssten, betonte er.
Prof. Dr. Mario Soldaini, Universität La Sapienza Rom (Italien), sprach über die Entdeckung der vatikanischen Handschrift (Vatican Turco 102) durch Ettore Rossi, den Begründer der italienischen Turkologenschule. Er hob die revolutionäre Bedeutung dieses philologischen Fundes für die weltweite Turkologie sowie die Rolle der positivistischen Philologie hervor.
Bei dem internationalen Symposium wurde erneut die Bedeutung der Erforschung und Verbreitung des Erbes von Dede Qorqud hervorgehoben. Die Veranstaltung leistete einen weiteren wichtigen Beitrag zur Stärkung der kulturellen und wissenschaftlichen Brücken zwischen Wissenschaftlern aus Ost und West.
Es sei darauf hingewiesen, dass die im Bestand der Abteilung für Sondersammlungen und seltene Handschriften der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden aufbewahrte Fassung von „Kitab-i Dede Qorqud“ die weltweit einzige bekannte vollständige Handschrift mit zwölf Erzählungen ist. Wann und auf welchem Weg diese einzigartige Handschrift aus dem 16. Jahrhundert nach Dresden gelangte, ist nicht genau bekannt. Bekannt ist, dass sie bereits Mitte des 18. Jahrhunderts zum Bestand der Dresdner Königlichen Bibliothek gehörte und seit dieser Zeit in den Bibliothekskatalogen verzeichnet ist.
Eine besondere Rolle bei der Bekanntmachung von „Kitab-i Dede Qorqud“ in der wissenschaftlichen Welt spielte der deutsche Orientalist und Diplomat Heinrich Friedrich von Diez. Er ließ die in Dresden aufbewahrte Handschrift 1814 zu Forschungszwecken nach Berlin bringen und eine Abschrift anfertigen. 1815 veröffentlichte er die Erzählung „Der Abschnitt, in dem Basat Täpägöz tötet“ zusammen mit seiner deutschen Übersetzung und machte das Werk damit der europäischen wissenschaftlichen Öffentlichkeit bekannt.