Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Venezuela stoppt Ölsucher aus den USA

Baku, den 14. Oktober (AZERTAG). Es war ein Krimi weit draußen im Atlantik. Venezuela hat ein Schiff abgefangen, das im Auftrag einer US-Firma nach Ölvorkommen suchte. Hintergrund ist ein Grenzstreit mit Guyana. Nun beklagen beide Seiten „illegale Aktivitäten“ und eine „Bedrohung des Friedens“.

Die „Yekuana“ ist ein durchaus beeindruckender Anblick. Seit rund zwei Jahren zieht das pfeilschnelle, fast 100 Meter lange Schiff vor der Küste von Venezuela regelmäßig seine Bahnen. Bewaffnet mit einem 76-Millimeter-Schiffsgeschütz soll die Besatzung des Patrouillenbootes unerlaubte Eindringlinge das Fürchten lehren. Die mit Tarnkappentechnik ausgestattete Korvette operiert weit draußen, in der sogenannten Ausschließlichen Wirtschaftszone. Die erstreckt sich bis zu 370 Kilometer weit in den Atlantik hinein und misst mehr als 471.000 Quadratkilometer, das ist grob gesprochen ein Drittel mehr als die Fläche Deutschlands.

Allein Venezuela darf hier Fische fangen und Rohstoffe fördern. Die „Yekuana“ und ihre Schwesterschiffe sollen das sichern. Allerdings sind die Grenzen des Staates seit Jahrzehnten umstritten - und zwar sowohl an Land als auch im Ozean. Hintergrund ist ein alter Zwist mit dem Nachbarland Guyana. Dort beansprucht Venezuela etwa 62 Prozent des Staatsgebiets inklusive der entsprechenden Seebereiche. Es geht um eine von einem deutschen Botaniker gezogene Grenzlinie aus dem 19. Jahrhundert, internationale Schiedssprüche, Verträge und erfolglose Schlichtungsversuche.

Dass das Ganze freilich keine akademische Streiterei ist, hat gerade die Besatzung der „RV Teknik Perdana“ erleben müssen. Das knapp 90 Meter lange Forschungsschiff, das im Auftrag eines US-Ölkonzerns unterwegs war, wurde am Donnerstag von der „Yekuana“ abgefangen. Der Fall hat inzwischen zu ernsthaften diplomatischen Verwerfungen geführt - weil Venezuela und Guyana darüber streiten, wo sich die Sache abgespielt hat.

Beide Staaten beharren darauf, dass es sich um die Ausschließliche Wirtschaftszone des eigenen Landes gehandelt habe. Klar scheint. Die in Japan gebaute, unter der Flagge von Panama fahrende „Teknik Perdana“ stellte in der Gegend gerade seismische Untersuchungen im Auftrag des US-Ölkonzerns Anadarko an. Die Firma hält eine Erkundungslizenz für den sogenannten Roraima-Block vor der Küste von Guyana. Dort könnte eines Tages Öl aus mehr als 3000 Meter Wassertiefe gefördert werden.

Unterschiedliche Koordinaten - Indem sie vom Schiff aus Schallwellen in den Boden senden, können Wissenschaftler auf die Verhältnisse im Untergrund schließen. Das ist ein gängiges Verfahren bei der Ölsuche. Die geologischen Verhältnisse vor Guyana sind ähnlich denen vor Westafrika, wo etwa in Liberia oder Ghana Öl gefunden wurde. Die Aussichten sind also gut - wären da nicht die politischen Unwägbarkeiten.

Die Regierung von Guyana hat eine Erklärung zu dem Vorfall veröffentlicht. Demnach verfolgte die „Yekuana“ das Forschungsschiff, hinderte es an der Weiterfahrt und dirigierte es anschließend zur Isla de Margarita, die - unstrittig - zum Staatsgebiet von Venezuela gehört. Dort sollte das Schiff im Verlauf des Samstags ankommen.

„Eine Sache ist klar: Die 'RV Teknik Perdana' war in den Gewässern von Guyana, als sich dieser Zwischenfall ereignete“, erklärte das Ministerium. Die Koordinaten wurden gleich mitgeliefert. Das Eingreifen des Nachbarstaates sei „ohne Beispiel“ in der Beziehung beider Staaten und „eine ernsthafte Bedrohung des Friedens“ in der Region. Man fordere daher die sofortige Freilassung von Schiff und Besatzung.

Die Regierung von Venezuela beklagte ihrerseits die „illegalen Aktivitäten“ der „Teknik Perdana“. Guyana sei nun gefragt, den Vorfall aufzuklären. Man sei „tief besorgt“ über die Verletzung der Ausschließlichen Wirtschaftszone Venezuelas. Interessanterweise liefert Venezuela etwas andere Koordinaten der Stelle, an der das Forschungsschiff gestoppt wurde. Beide Staaten haben in ihren Erklärungen aber jeweils darauf hingewiesen, dass sie auf eine friedliche Lösung der Krise setzten.

Die US-Regierung hat sich in der Sache bisher noch nicht geäußert. Die Ölfirma Anadarko erklärte, man sei in Kontakt mit der Regierung von Guyana, Botschaftspersonal sowie der US-Küstenwache - um die Freilassung von Schiff und Crew zu erreichen.

Womöglich steckt ein innenpolitischer Streit in Venezuela hinter der ganzen Sache. Denn eigentlich galt das Verhältnis zu Guyana zuletzt zumindest als passabel. Beide Staaten handeln mit Öl und Reis. Und erst Ende August war Venezuelas Präsident Nicolás Maduro bei seinem Amtskollegen Donald Ramotar zu Gast. Dabei hatten beide bekräftigt, den Grenzstreit mit Hilfe der Uno friedlich beilegen zu wollen. In Guyana spekuliert man nun darüber, ob womöglich das Militär in Venezuela die schwache Maduro-Regierung mit dem Vorgehen gegen die „Teknik Perdana“ unter Druck setzen wollte. Um die Daumenschrauben in den Beziehungen zu Guyana wieder anzuziehen.

 

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