Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Wenn sich die Sonne um die Erde dreht

Baku, den 24. April (AZERTAG). Ist die Erde der göttlich bestimmte Fixpunkt des Universums? Ein Dokumentarfilm aus den USA befeuert die längst widerlegte Theorie. Hinter dem Film stecken dubiose Gestalten, Mitwirkende distanzieren sich schon vor dem Start.

Kate Mulgrew ist eine Science-Fiction-Ikone. Von 1995 bis 2001 spielte sie Captain Kathryn Janeway in der TV-Kultserie „Star Trek: Raumschiff Voyager“. Als dessen Kommandantin legte sie 70.000 Lichtjahre zurück und traf Aliens und Asteroiden.

Seither hat die US-Schauspielerin zwar viele andere, anspruchsvollere Rollen gemeistert, zurzeit etwa in der Netflix-Hitshow „Orange Is the New Black“. Doch bis heute identifizieren die Fans sie mit der „Voyager“-Chefin - als Autorität für interstellare Belange, fiktive wie reale.

Das wird ihr nun zum Verhängnis. Ist sie doch unverkennbar die Sprecherin eines neuen Filmtrailers über, nun ja, das Geheimnis Weltall: „Alles, was wir über unser Universum zu wissen glauben“, sagt sie, gefolgt von einer dramatischen Kunstpause, „…ist falsch“.

Wenn Mulgrew nur geahnt hätte, wem sie da ihre Stimme lieh - und ihre Glaubwürdigkeit.

„The Principle“ heißt der Film, für den sich die Schauspielerin verwendet, assistiert von einer Reihe durchaus seriöser US-Wissenschaftler. Ein ernstzunehmender Dokumentarfilm also, so scheint es, über „eine der hitzigsten Debatten dieses Jahrhunderts“: die ewige, nie geklärte Frage, warum und wie die Welt funktioniert.

„Drastisch kontroverse Natur“ - Den Endschnitt des Films haben bisher nur wenige gesehen. Anfang April fand in West-Hollywood ein Screening für handverlesene Gäste statt. Auch ein Premierendatum steht noch nicht fest. Nach Angaben der Produzenten liegt das am „anspruchsvollen Charakter des wissenschaftlichen Inhalts und der drastisch kontroversen Natur unseres Films“.

Einen wenn auch kryptischen Vorgeschmack gibt der Trailer; er wirbt mit cineastischem Pomp: Digitale Planeten zischen vorbei, man sieht Sterne und Gewitterwolken über Paris, die Musik schwillt an, Wissenschaftler sprechen von einer „Krise der Kosmologie“, vom „größten Mysterium der Schöpfung“, vom „Moment der Wahrheit“ und davon, dass „die Zukunft sehr trübe aussieht“: „Alles Leben wird sterben.“

Zwischen den Zeilen propagiert der Film, der irgendwann „im Frühjahr“ in die US-Kinos kommen soll, eine abstruse, längst widerlegte, aber stets wiederkehrende Idee: dass sich die Sonne um die Erde dreht und die Erde gar der göttlich bestimmte, fixe Angelpunkt eines rotierenden Universums ist.

„Galileo irrte, die Kirche hatte recht“ - Das sogenannte geozentrische Weltbild gibt es schon sehr lange. Spätestens Kopernikus, Kepler und Galilei widerlegten es zwar mit ihren Beobachtungen. Doch bis heute gibt es unbelehrbare Geozentriker.

Einer von ihnen ist der Mann hinter „The Principle“, der christlich-konservative US-Autor Robert Sungenis. In seinem schon etwas angestaubten Buch „Galileo Was Wrong, The Church Was Right“ („Galileo irrte, die Kirche hatte recht“) versucht er, „der Bibel ihren verdienten Platz zu geben und zu zeigen, dass an der Wissenschaft nicht viel dran ist“.

Sungenis gehört zu jenen Verschwörungstheoretikern, die unter anderem glauben, dass die Mondlandung 1969 gestellt worden sei, die 9/11-Anschläge aufs Konto staatlicher „Insider“ gingen und die Fukushima-Atomkatastrophe 2011 die Folge einer israelischen Atombombe gewesen sei.

Schlimmer noch: Er hat über seine einstige Organisation Catholic Apologetics International (CAI) antisemitische Tiraden verbreitet und behauptet, dass der Tod von sechs Millionen Juden im Holocaust unbewiesen sei. Das Southern Poverty Law Center, das US-Hassgruppen beobachtet, hat ihn im Visier.

„Kaum zu glauben, dass es jemand ernst nimmt“ - Und nun widmet sich Sungenis den Mysterien des Universums. Klar, dass die Plausibilität auch da zu kurz kommen dürfte. Dabei wird gerade wieder intensiv über kosmologische Rätsel diskutiert. „Cosmos: A Spacetime Odyssey“, eine vom populären Astrophysiker Neil deGrasse Tyson moderierte US-Dokuserie über die Entstehung des Lebens, sorgt weltweit für Aufsehen. In Deutschland läuft sie unter dem Titel „Unser Kosmos: Die Reise geht weiter“ im National Geographic Channel.

Auf diesen Zug wollte Sungenis mit „The Principle“ wohl aufspringen. Dabei verbündet er sich mit den Kreationisten, die die Evolution ablehnen - auch das eine in den USA wieder ernstgenommene „Lehre“, die etliche US-Bundesstaaten sogar zum Pflichtcurriculum an Schulen gemacht haben.

In den Vereinigten Staaten gelten solche Debatten keineswegs als abwegig. Einer Gallup-Umfrage zufolge sehen 46 Prozent der Amerikaner ihren Ursprung in göttlicher Schöpfung. 32 Prozent finden, dass Gott zumindest „die Hände im Spiel hatte“. Nur 15 Prozent glauben an die Evolutionslehre, nach der Homo sapiens aus früheren Lebewesen hervorgegangen ist.

Schon im Vorfeld von „The Principle“ wird intensiv in Blogs diskutiert, meist mit spöttischem Unterton. Auch einige der in dem Film aufretenden Wissenschaftler versuchen sich eiligst zu distanzieren. Er habe nie mitgearbeitet, schrieb der Kosmologe Lawrence Krauss im Online-Magazin „Slate“: „Kaum zu glauben, dass jemand im 21. Jahrhundert die Vorstellung ernst nimmt, dass die Sonne sich um die Erde dreht oder die Erde der Mittelpunkt des Universums ist.“

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