Anthropozän, das vom Menschen gemachte Neue
Baku, den 29. April (AZERTAG). Die Menschen greifen seit langem in die Natur ein. Klimaforscher sehen darin einen Wendepunkt der Erdgeschichte. Doch wann dieses „Anthropozän“, die Ära der Menschen, genau begann, ist umstritten.
Der Mensch rodet Wälder, bestellt Felder, baut Fabriken, Straßen und Megacitys. Auf der Erde gibt es kaum einen Ort, an den Homo sapiens nicht schon seinen Fuß gesetzt hätte. Kein Ort, der unangetastet wäre. Die Tiefsee, vielleicht ein paar Berggipfel - sonst aber hat der Mensch bereits überall seine Spuren hinterlassen.
Der biblische Auftrag, sich die Erde untertan zu machen, wurde in den vergangenen Jahrhunderten geradezu meisterlich erfüllt. Inzwischen ist es mit der unberührten Natur vorbei - nicht nur im hoch industrialisierten Mitteleuropa, sondern zunehmend auch in den immer bevölkerungsreicher werdenden Schwellen- und Entwicklungsländern.
Überall auf der Welt wird die Natur vom Menschen geformt und überformt, sei es durch die Anlage von Reisfeldern in Asien oder die Rodung ganzer Landstriche erst in Europa und derzeit in den Tropen.
Schrittweise wird die Natur so zur Kulturlandschaft - und der Mensch selbst zu einer Art geologischem Faktor. Unsere Bedürfnisse, unsere Wünsche, unser Alltag prägen so dauerhaft und tief greifend den Verlauf der Erdgeschichte. Der Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen war der Erste, der diesem Phänomen, oder besser, dieser Epoche einen eigenen Namen gab und es so auf die Agenda der internationalen Forschungsgemeinschaft brachte.
Ist das Holozän vorbei? - Im Jahr 2000 erklärte er das Holozän für beendet - jenen jüngsten Zeitabschnitt der Erdgeschichte, der mit dem Ende der letzten Eiszeit vor rund 11.000 Jahren begann. Das Holozän gilt als Wiege der ersten menschlichen Hochkulturen, da es als Warmzeit gute Voraussetzungen für die Ausbildung der Zivilisation zur Verfügung stellte. Stattdessen sprach Crutzen vom „Anthropozän“. Das Wort stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie: das vom Menschen gemachte Neue.
Vom Holozän grenzt es sich dadurch ab, so Crutzen, dass der Mensch erstmals nicht nur ein Teil der Natur sei, sondern sie in großen Teilen beherrsche - im Holozän sei dies noch undenkbar gewesen.
Obwohl das Holozän selbst noch eine recht junge Epoche der Erdgeschichte ist, folgten viele Geologen dem Vorschlag des Wissenschaftlers, und seit 2009 ist auch die „International Commission of Stratigraphy“ (ICS) auf der Suche nach Spuren, die das Ausrufen des Anthropozäns rechtfertigen würden.
Ein Viertel der Landoberfläche ist unangetastet - Die Anzeichen dafür sind zahlreich. Die Hälfte, wenn nicht gar drei Viertel der eisfreien Landoberfläche sind nicht mehr in ihrem ursprünglichen Zustand, so lauten Schätzungen. Nur ein letztes Viertel der Landoberfläche gilt als vom Menschen unbeeinflusst. In der Folge werden die einstigen ausgedehnten unberührten biologischen Regionen der Erde, die sogenannten Biome, nun zu „Anthromen“, wie einige Wissenschaftler diese Lebensräume der „Menschen-Erde“ neuerdings nennen.
Als Beispiel führen sie den von den Römern abgeholzten Mittelmeerraum an, insbesondere Inseln wie Sizilien. Aber auch das gesamte Jordantal, vom Hule-See bis zum Toten Meer, ist mittlerweile ein Anthromen, und auch die Region um den Aralsee, der unter anderem deshalb austrocknet, weil mit seinem Wasser die Baumwollfelder der kasachischen Steppe bewässert werden. Die tropischen Regenwälder verschwinden in beängstigendem Maße und mit ihnen ein Großteil der biologischen Vielfalt der Erde.
Flussregulierung und Dämme sind allgegenwärtig und verändern auch noch weit davon entfernte Landstriche. Mehr als die Hälfte des auf der Erde verfügbaren Süßwassers wird inzwischen vom Menschen genutzt.
Hauskatzen statt Tiger - Den Meeren entzieht der Mensch durch seine Fischerei rund ein Drittel der Primärproduktion. Tatsächlich geht auch ein Großteil der genutzten Pflanzen heute auf landwirtschaftliche Züchtungen zurück und 90 Prozent der Biomasse werden von Haus- und Nutztieren des Menschen gestellt. Demnach sind die häufigsten lebenden Säugetiere heute vor allem Rinder, Schweine, Ziegen.
Anders ausgedrückt: Wo in der Natur der letzte asiatische Tiger ums Überleben kämpft, tummeln sich in Stadt und Land Hunderttausende Hauskatzen.
Doch wann genau begann diese dramatisch beschleunigte Wandlung unseres Planeten? Wie lässt sich der Beginn dieses jüngsten Wendepunkts in der Erdgeschichte bestimmen, den Forscher nun als Anthropozän bezeichnen wollen? Der Atmosphärenchemiker Crutzen hatte sich vor allem mit dem vom Menschen verursachten Ozonloch über den Polen beschäftigt.
Für ihn besteht daher kein Zweifel, dass der menschliche Einfluss seit etwa Ende des 18. Jahrhunderts eskaliert, ablesbar an der veränderten Chemie von Atmosphäre und Ozeanen. Untersuchungen von Eisbohrkernen ergaben, dass während der vergangenen drei Jahrhunderte die Konzentration der Treibhausgase Kohlendioxid um mehr als 30 Prozent gestiegen ist, von Methan inzwischen sogar um mehr als 100 Prozent.
Das Anthropozän beginnt für viele Wissenschaftler daher mit Einsetzen der Industrialisierung um 1800; also etwa zu der Zeit, als James Watt die Dampfmaschine erfand. Andere Forscher sehen dagegen im erstmaligen Einsatz der Atombombe 1945 die entscheidende Signatur der Menschen; wieder andere erst im Wirtschaftsaufschwung, der zunehmenden Mobilität oder der Globalisierung nach dem Zweiten Weltkrieg.