Bis 2050 könnten fast 40 Millionen Menschen an Antibiotikaresistenzen sterben
Baku, 18. September, AZERTAC
Sie gehört laut Experten bereits heute zu den häufigsten Todesursachen weltweit: die Infektion mit antibiotikaresistenten Keimen. Bis zum Jahr 2050 könnten daran weltweit mehr als 39 Millionen Menschen sterben, heißt es in einer aktuellen Studie. Bei weiteren 169 Millionen Todesfällen könnten solche Erreger zumindest eine Rolle spielen.
Derzeit schätzen die Studienautoren der Universität of Washington in Seattle die Todeszahlen weltweit pro Jahr auf rund 1,1 Millionen – das ist in etwa so hoch wie die Todesfälle durch HIV und Malaria zusammen und deckt sich mit bisherigen Untersuchungen. Bereits 2022 beschreibt Ramanan Laxminarayan vom US-amerikanisch-indischen Center for Disease Dynamics die Infektion als „übersehene Pandemie“.
Der übermäßige und unsachgemäße Einsatz von Antibiotika in der Human- und Veterinärmedizin gilt als Ursache der Antibiotikakrise. Lungenentzündung, Sepsis, Wundinfektionen: Was vor Jahrzehnten tödlich enden konnte, ist heute meist kein Problem mehr – dank Antibiotika. Sie zählen zu den wichtigsten Medikamenten und bekämpfen krankmachende Bakterien. Doch Erreger werden zunehmend unempfindlich gegen die Mittel. Im schlimmsten Fall werden dadurch einfache Infektionen lebensbedrohlich. Jede Anwendung kann zur Vermehrung resistenter Bakterien führen, da diese dann einen Überlebensvorteil haben, wie AZERTAC unter Berufung auf Spiegel berichtete.
Riesige Datenanalyse - Das Forschungsteam um Christopher Murray modellierte 520 Millionen Datensätze zur Entwicklung von Antibiotikaresistenzen im Zeitraum von 1990 bis 2021. Daraus entstand die Prognose bis 2050, die am Dienstag im Fachmagazin „The Lancet“ veröffentlicht wurde. Wie groß das Problem mit Resistenzen ist, lässt sich nicht so einfach ermitteln: Wenn beispielsweise bei der Behandlung einer Krebserkrankung Komplikationen durch multiresistente Keime auftreten, wird die Todesursache eines Patienten dennoch in der Regel dem Krebs zugeschrieben. Die Studienautoren nutzten Krankenhaus-Entlassungsdaten, Daten zu Todesursachen, Resistenzprofile einzelner Arzneimittel, Umfragen zum Antibiotikagebrauch und zahlreiche andere Quellen, um das Ausmaß der Resistenzen zu erfassen und das weltweite Modell zu entwickeln.
Von 1990 bis 2021 sind demnach jedes Jahr weltweit mehr als eine Million Menschen aufgrund antimikrobieller Resistenzen gestorben. Die Gesamtzahl stieg leicht, von 1,06 Millionen im Jahr 1990 auf 1,14 Millionen im Jahr 2021. Berücksichtigt man das Bevölkerungswachstum, sank die Todesrate pro 100.000 Menschen von 19,8 (1990) auf 14,5 (2021).
Das Computermodell der Forscher zeigt auch eine mögliche positive Entwicklung: Durch eine bessere Behandlung schwerer Infektionen und einen verbesserten Zugang zu Antibiotika könnten 92 Millionen Todesfälle zwischen 2025 und 2050 vermieden werden.
Vor allem Ältere betroffen - Allerdings ist die Entwicklung nach Altersgruppen sehr unterschiedlich: Während die Anzahl der resistenzbedingten Sterbefälle bei Kindern unter fünf Jahren um 50 Prozent gesenkt werden konnte, ist die Anzahl bei Menschen im Alter von 70 oder mehr Jahren um 80 Prozent gestiegen.
Mit Blick auf die Kleinkinder schreiben die Forschenden: »Ein Großteil dieser Reduzierung ist auf einen Rückgang medikamentenresistenter Streptococcus pneumoniae und von Krankheitserregern zurückzuführen, die üblicherweise durch fäkal-orale Übertragung verbreitet werden«. Dazu hätten vor allem Impfkampagnen und verbesserte hygienische Bedingungen beigetragen.
Den Anstieg der Fälle bei älteren Menschen führen die Forscher auf eine oft geringere Wirksamkeit oder Unverträglichkeit von Impfstoffen und Arzneimitteln bei Älteren sowie mehr Grunderkrankungen zurück.
Weil die Bevölkerungsgruppe der Über-64-Jährigen in den kommenden Jahren am stärksten wachsen wird, könnten sich auch die resistenzbedingten Todesfälle dem Modell zufolge bis 2050 insgesamt erhöhen: von 1,14 Millionen (2021) auf 1,91 Millionen (2050) pro Jahr. Die Zahl der Todesfälle, bei denen multiresistente Keime eine Rolle spielen, könnte der Modellrechnung zufolge von 4,71 Millionen auf 8,22 Millionen steigen.