Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Die rätselhafte Parallelwelt

Baku, den 12. Oktober (AZERTAG). In der Jungsteinzeit wurden Europäer zu Bauern. Alle Europäer? In der Hagener Blätterhöhle entdeckten Archäologen eine Gruppe, deren Erbgut und Lebensweise eigentlich 2000 Jahre zuvor verschwunden zu sein schien.

Irgendwann vor rund 10.500 Jahren hörten die Menschen in Südost-Anatolien und Syrien auf, den Herden hinterherzuziehen. Stattdessen sperrten sie, was sie essen wollten, hinter Zäune und zähmten es. Außerdem sammelten sie keine Wildpflanzen mehr, sondern nahmen deren Samen und streuten sie in den Boden. Die revolutionären Ideen fanden Nachahmer. Rund 3000 Jahre später hatten sie Mitteleuropa erreicht. Mit dem Neolithikum, der Jungsteinzeit, kamen die Ackerbauern und Viehzüchter - für Archäologen leicht erkennbar an ihrem Geschirr, der so genannten Linearbandkeramik.

Forscher haben heftig debattiert, ob es nur die Ideen waren, die sich flächendeckend in Europa ausbreiteten, oder ob sich eine neue Bevölkerungsgruppe gegen die alten Jäger und Sammler durchsetzte. Wie auch immer es passierte - archäologisch scheint die eine Lebensform die andere in der frühen Jungsteinzeit mehr oder weniger vollständig abgelöst zu haben. Fortan, so schien es, bauten alle Europäer ihr Häusle und blieben schön daheim bei Schaf, Ziege, Schwein, Rind und Getreidefeld. Ein schönes, glattes Modell.

Friedhof in Mittel- und Jungsteinzeit - Wären da nicht die Funde aus der Blätterhöhle bei Hagen. Die Höhle ist ein langgezogener Spalt unter dem Weißenstein, einem Kalkmassiv im westfälischen Lennetal. Offenbar war sie ein guter Ort, um Tote abzulegen. Ausgräber Jörg Orschiedt fand bei seinen von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Untersuchungen bisher mindestens 29 Individuen, die hier zur letzten Ruhe gebettet worden waren. Und zwar zu ganz unterschiedlichen Zeiten. Die fünf ältesten wurden bereits in der frühen Mittelsteinzeit, dem sogenannten Mesolithikum, vor 10.600 bis 11.200 Jahren bestattet. Dann war es lange Zeit ruhig in der Blätterhöhle, bis sie im Neolithikum, rund 4000 Jahre später, erneut zum Friedhof wurde.

Klarer Fall, könnte man meinen: Erst kamen die Jäger und Sammler, dann entdeckten die Bauern die Höhle für ihre Zwecke. Doch die Untersuchung der mitochondrialen DNA - ein kleiner Teil des Erbguts, der mütterlicherseits weitergegeben wird - ließ Archäologen und Genetiker aufmerken. In der Zeitschrift „Science“ berichten die Forscher um Ruth Bollongino und Joachim Burger von der Johannes Gutenberg Universität Mainz, Olaf Nehlich von der University of British Columbia in Vancouver und Jörg Orschiedt von der Freien Universität Berlin von ihren Ergebnissen. Das Mitochondrien-Erbgut der fünf Toten aus der Mittelsteinzeit entspricht wie erwartet dem aller bisher bekannten prä-neolithischen Jäger und Sammler Zentral-, Ost und Nordeuropas. Erstaunlich ist jedoch. Auf zwölf Tote aus der Jungsteinzeit trifft das ebenfalls zu. Nur acht besitzen ein für neolithische Bauern typisches Mitochondrien-Genom. Bei vier Toten war nicht genug mitochondriale DNA erhalten, um sie zuordnen zu können.

Fischesser statt Bauern - Die Überraschung wurde größer, als die Forscher Knochen und Zähne untersuchten. Anhand der Isotopenverhältnisse von Kohlenstoff, Stickstoff und Schwefel lassen sich Rückschlüsse auf die Ernährung ziehen. Die Toten bildeten drei klare Gruppen.

Wie nicht anders erwartet, ernährten sich alle Mesolithiker in der Hauptsache von Wildtieren.

Die zweite Gruppe, alles Individuen aus der späten Jungsteinzeit, aß vor allem Pflanzenfresser, die aller Wahrscheinlichkeit nach aus domestizierter Haltung stammten.

Die dritte Gruppe lebte ebenfalls in der Jungsteinzeit. Sie aßen nur wenig Pflanzen und Pflanzenfresser, dafür aber Süßwasserfische.

Und die Toten aus dieser dritten Gruppe hatten ausnahmslos Mitochondrien-DNA, die sie als direkte Nachfahren der Jäger und Sammler des Mesolithikums kennzeichnete.

„Es ist das erste Mal, dass wir in Mitteleuropa so spät im Neolithikum eine andere Lebensweise als die der Ackerbauern und Viehzüchter fassen“, betont Orschiedt. „Das hohe Fischsignal bedeutet nämlich, dass diese Leute regelmäßig viel Fisch gegessen haben - und nicht nur ab und zu.“

Damit werden in der Hagener Blätterhöhle drei Bevölkerungsgruppen sichtbar: mittelsteinzeitliche Jäger und Sammler, jungsteinzeitliche Bauern und neolithische Fischer-Jäger-Sammler mit einer Vorliebe für Süßwasserfische.

Keine rückfällig gewordenen Landwirte - „Es ist bemerkenswert, dass eine Jäger-Sammler-Gruppe und eine Gruppe Bauern über 2000 Jahre nach dem Beginn der Jungsteinzeit mit einer gut definierten kulturellen Grenze parallel zueinander existierten“, schreiben die Forscher. „Die Jäger-Sammler aus der Höhle sind genetisch Nachkommen der Mesolithiker“, fügt Ruth Bollongino hinzu. „Das bedeutet, sie sind nicht etwa „rückfällig“ gewordene Bauern, sondern haben ihre isolierte Lebensweise über 2000 Jahre aufrechterhalten.“

„Spannend ist vor allem, dass man sich jetzt überlegen muss, wie die beiden Gruppen zusammenhängen“, überlegt Orschiedt weiter. „Ihre Toten liegen in der gleichen Höhle und datieren gleich, das kann kein Zufall sein. Ethnographische Beispiele zeigen, dass so etwas vorstellbar ist: dass beide Gruppen zumindest zeitweise miteinander leben, aber sich nicht miteinander fortpflanzen.“ So einfach scheinen die Jäger und Sammler des Mesolithikums sich also doch nicht in Luft aufgelöst zu haben.

 

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