Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Forscher finden einen chinesischen Mythos

Forscher finden einen chinesischen Mythos

Baku, 8. August, AZERTAC

Der legendäre Kaiser Yu der Große soll einst eine gigantische Flut gezähmt haben - so lautet ein chinesischer Mythos. Bisher gab es keine Belege dafür. Nun präsentieren Forscher geologische Beweise.

In Zeiten der Not werden Helden geboren. Yu der Große ist so ein Fall. Der Herrscher soll einst sein Land vor einer schweren Flut gerettet haben, vor rund 4000 Jahren war das. Durch übermenschliche Tapferkeit gelang es ihm, eine gigantische Überschwemmung abzuleiten. Die hatte das Wasser des Gelben Flusses verursacht.

So wurde Yu zu einem der mythischen Urkaiser Chinas und zum Begründer der legendären Xia-Dynastie. Mehr als 1000 Jahre lang wurde seine Geschichte nur mündlich weitergetragen, dann in heroisierenden Texten wie dem Buch der Urkunden und dem Shiji von Generation zu Generation vererbt. Ein Problem gab es freilich: Archäologische Belege für Yus angebliche Großtaten gab es keine. Und die schriftlichen Quellen zu der Geschichte sind erst sehr viel später entstanden. Deshalb argwöhnten manche Forscher, die Geschichte sei vor allem in die Welt gesetzt worden, um die Legitimität des zentral organisierten Kaiserstaats zu steigern.

Forscher um Wu Qinglong von der Universität Peking präsentieren im Wissenschaftsmagazin "Science" nun jedoch erstmals geologische und archäologische Beweise - zumindest für die Existenz einer Flut. Konkret geht es um Sedimente aus der Region des Gelben Flusses und das darin enthaltene organische Material, das mit der Radiokarbon-Methode datiert wurde. Die Messungen der Forscher deuten auch daraufhin, dass die Xia-Dynastie wohl 200 bis 300 Jahre später begann, als chinesische Quellen bisher behaupten.

"Forscher haben lange nach wissenschaftlichen Erklärungen für die große Flut gesucht", schreiben Wu und seine Kollegen. In ihrem Artikel zeichnen die Forscher nun folgendes Bild der Ereignisse: Um das Jahr 1920 vor Christus muss sich demnach in der heutigen chinesischen Provinz Qinghai ein schweres Erdbeben ereignet haben. Dabei entstand durch Erdrutsche auch ein massiver, rund 200 Meter hoher Damm aus Geröll, der - über einen Zeitraum von sechs bis neun Monaten - den Gelben Fluss anstaute. Innerhalb von weniger als 24 Stunden kollabierte der Damm schließlich - und sandte eine gigantische Flutwelle stromabwärts.

Wie wild die Fluten damals gewesen sein müssen, zeigt sich auch daran, dass die Forscher in den Sedimenten flussabwärts Steine mit bis zu zwei Meter Durchmesser fanden. Sie waren vom Fluss einfach mitgerissen worden. Insgesamt, so schätzen die Wissenschaftler, könnten aus dem angestauten See zwischen elf und 16 Kubikkilometer Wasser ausgelaufen sein. Das entspricht etwa der vier- bis fünffachen Menge des Wassers im Starnberger See oder - für die Norddeutschen - rund der doppelten Wassermenge der Müritz.

Seit dem Jahr 2000 graben Archäologen in der Provinz Qinghai die jungsteinzeitliche Stätte Lajia aus. Einen ansehnlichen Klangstein haben sie dabei ebenso gefunden wie Reste von Hirsenudeln, die an heutige Spaghetti erinnern. Zerstört wurde die Siedlung bei einem schweren Erdbeben. Wu und seine Kollegen gehen davon aus, dass dieselben Erdstöße für das Ende von Lajia verantwortlich waren, die auch den verhängnisvollen Damm am Gelben Fluss entstehen ließen.

Die Siedlung lag etwa 25 Kilometer flussabwärts des Damms - und war bereits unbewohnt, als die Flut durch sie hindurchfegte. Was jedoch noch dort lag, waren die Überreste der Menschen, die durch das Beben ums Leben gekommen waren. Ihre Knochen halfen den Forschern nun, neben Kohlestückchen, die sie in Flusssedimenten gefunden hatten, die Flut so genau wie möglich zu datieren.

Sie schätzen, dass die Flutwelle des Jahres 1920 vor Christus rund 2000 Kilometer den Gelben Fluss hinabgewandert sein könnte. Außerdem habe der Fluss teilweise sein Bett verlagert - und das wiederum könne schuld daran sein, dass die Flut so lange andauerte, der Yu der Große seinen Ruhm verdankt. Bis der Fluss ein neues, dauerhaftes Bett gefunden habe, sei es wohl über 20 Jahre immer wieder zu Überschwemmungen gekommen, vermuten sie.

"Es würde eine beträchtliche Zeit dauern, bis sich ein großer Fluss an solche Veränderungen anpasst", schreibt auch David Montgomery von der University of Washington in Seattle in einem Begleitkommentar in "Science", "und die damit verbundenen anhaltenden Überflutungen wären genau passend für Yus Geschichte, einschließlich der langen Zeit, die zur Kontrolle der Überflutungen nötig war."

Die Legende geht nämlich so: Neun Jahre lang soll Yus Vater ohne Erfolg gegen das Wasser gekämpft haben. Als der Sohn dann übernahm, soll es weitere 13 Jahre gedauert haben. Dann erst hatte er Erfolg. Ein Mythos war geboren. Ein Mythos, für den es nun erstmals wissenschaftlich Belege zu geben scheint.

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