Fossilien revolutionieren Bild der Menschwerdung
Baku, den 8. September (AZERTAG). Ist das der Ahn aller heutigen Menschen? Die Fossilien einer Vormenschenart aus Südafrika, die jetzt erstmals im Detail untersucht wurden, erlauben einen beispiellosen Blick in die Evolution. Australopithecus sediba war wohl schon in der Lage, Werkzeuge zu bauen. Die größte Sensation aber ist sein Gehirn.
Die Strahlzeit ist kostbar am Synchrotron in Grenoble. Rund 7000 Wissenschaftler kommen alljährlich hierher, um die stärkste Röntgenquelle der Welt zu nutzen. Molekularbiologen und Pharmaforscher, Luftfahrttechniker und Geophysiker, Kunsthistoriker und Materialwissenschaftler wetteifern darum, ihre Proben in dieses einzigartige Licht halten zu dürfen.
Doch selbst für die Synchrotron-Manager war „MH 1“ etwas Besonderes. So heißt das Fossil der Vormenschenart Australopithecus sediba, das südafrikanische Urmenschforscher 2008 entdeckt und vergangenes Jahr erstmals publiziert hatten. Nach Grenoble brachten sie es, um ihm seine intimsten Details zu entlocken. Es hat das Zeug, zu einem der bedeutendsten Fundstücke der Menschwerdungsgeschichte aufzusteigen. Nicht einmal vollständig aus dem Fels geschält ist jener Schädel, den die Forscher mit dem Strahl des Synchrotrons durchleuchteten und so das Innere der Schädelkalotte abtasteten.
So wurde der exakte Abdruck eines Jahrmillionen alten Gehirns sichtbar. Der Schädel gehörte einem 10- bis 13-jährigen Jungen. Von Kopf bis Fuß maß er knapp 1,30 Meter, damit war er fast ausgewachsen. Die hinteren Backenzähne waren gerade durchgebrochen, vermutlich hatte der Knabe soeben die Geschlechtsreife erreicht.
Und noch ein zweites Individuum haben die Forscher untersucht: „MH 2“ war weiblich, wahrscheinlich Ende 20, Anfang 30, Hand und Becken sind bemerkenswert gut erhalten. Ein Team von rund 80 Wissenschaftlern hat die Gebeine der beiden Vormenschen in den vergangenen Jahren untersucht.
Ihre Ergebnisse präsentieren sie jetzt in gleich fünf Artikeln des Wissenschaftsmagazins „Science“. Und diese sorgen für Aufregung: Kaum ein anderes Skelett aus der Frühgeschichte des Menschen ist so vollständig und in so gutem Zustand fossilisiert. Vor allem aber das Alter der Funde elektrisiert die Fachwelt. Die beiden Vormenschen lebten vor ziemlich exakt zwei Millionen Jahren und stammen damit genau aus jener faszinierenden Umbruchszeit, in der sich das originär Menschliche im Menschenaffen zu regen begann.