Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

In Klima-Debatten zieht Realismus ein

Baku, den 19. Juni (AZERTAG). Weltweit dauern die Bemühungen um eine Begrenzung der Treibhausgase an. Doch auf regionaler Ebene, im „Kleinen“, wappnen sich Städte und Gemeinden ganz konkret gegen die Auswirkungen des Klimawandels.

Während der Anstieg der Treibhausgase in der Atmosphäre weiter fortschreitet, haben die weltweiten Bemühungen um den Klimaschutz in jüngster Zeit eine neue Richtung eingeschlagen. Es geht nicht länger nur darum, die Klimaerwärmung zu stoppen, sondern um konkrete Maßnahmen, wie die Menschen vor deren Folgen geschützt werden können. Der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg etwa kündigte unlängst einen ehrgeizigen Plan an, die Millionenstadt unter anderem mit Schleusentoren und Dämmen vor dem steigenden Meeresspiegel zu schützen.

Nach jahrelangem erfolglosen Kampf gegen den Ausstoß von klimaschädlichen Gasen konzentrieren sich Regierungen weltweit nun darauf, was ein UN-Bericht als „Bewältigung des Unvermeidlichen“ bezeichnet: die Anpassung an die Gegebenheiten.

Für Klimaaktivisten der ersten Stunde wie den ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore war dies einst noch ein Tabu. In seinem Buch „Earth in the Balance“ von 1992 verglich er eine Anpassung an den Klimawandel mit Faulheit, die von nötigen Anstrengungen ablenke. 2013 räumt Gore in seinem Buch „The Future“ nun offen ein: „Ich lag falsch.“

Doppelstrategie gegen Ist-Zustand und Folgen - Ähnlich wie Gore treten Behördenvertreter in aller Welt inzwischen für eine Doppelstrategie ein. Der Ausstoß von Treibhausgasen müsse eingedämmt werden, zugleich müsse man sich aber mit den realen und bereits eingetretenen Folgen des Klimawandels befassen. „Ob du glaubst, dass der Klimawandel real ist oder nicht, ist nebensächlich“, erklärte Bürgermeister Bloomberg bei der Vorstellung seines Projekts im Umfang von 20 Milliarden Dollar (15 Milliarden Euro). „Das Entscheidende ist: Wir können das Risiko nicht eingehen.“

In den USA ergreifen nun mehr als drei Dutzend Bürgermeister die Initiative, um ihre Gemeinden besser gegen Wetterkapriolen im Zuge des Klimawandels zu wappnen. „Das ist ein Versicherungsvertrag, damit investieren wir in die Zukunft“, erklärte der Bürgermeister der kalifornischen Stadt Sacramento, Kevin Johnson, unlängst in einem Interview.

Die Bürgermeisterin des Bezirks Broward in Florida, Kristin Jacobs, sagte, es müsse auf lokaler Ebene gehandelt werden. „Wir wissen, dass wir die erste Verteidigungslinie sein werden.“ Sie verwies auf Hurrikane, kleinere Stürme und Überschwemmungen im Süden Floridas. Daraus müssten Lehren gezogen werden. Und es sei einfacher, etwas zu unternehmen, wenn jeder die Auswirkungen des Klimawandels sehe könne.

100 Milliarden Dollar zugesagt - Die aufwendigen Pläne Bloombergs mögen für eine vergleichsweise wohlhabende Großstadt wie New York sinnvoll und machbar sein, kleinere Küstenstädte in den USA und erst recht in ärmeren Ländern dürften jedoch Schwierigkeiten haben, sich an den Klimawandel anzupassen.

Industriestaaten haben ärmeren Staaten für diesen Zweck jährlich 100 Milliarden Dollar zugesagt, allerdings noch nicht bereitgestellt. Doch die 20 Milliarden, die Bloomberg allein für New York einplant, zeigten, dass diese Summe nur ein Tropfen auf den heißen Stein sei, sagt Brandon Wu von der gemeinnützigen Organisation ActionAid.

Bei den UN-Klimagesprächen in Bonn in der vergangenen Woche erklärte Ronald Jumeau, ein Delegierter von den Seychellen, Entwicklungsländer hätten aufmerksam zur Kenntnis genommen, dass US- Staaten im Nordosten des Landes nach Supersturm „Sandy“ Hilfe im Umfang von mehr als 50 Milliarden Dollar erhalten hätten. Das sei viel Geld „für einen Sturm in drei Staaten. Zur selben Zeit wurden die Philippinen vom 15. Sturm in einem Jahr getroffen. Das rückt die Dinge ins rechte Verhältnis“, sagte Jumeau.

Verheerende Dürren als Gefahr - Ärmere Städte in den USA könnten Grundstücke aufkaufen, Bewohner und Unternehmen umsiedeln und gefährdete Landstriche in Parks umwandeln, in denen Stürme nicht viel Schaden anrichten könnten, sagt der Geophysiker S. Jeffress Williams von der Universität Hawaii.

Doch nicht nur Überschwemmungen stellen eine Gefahr dar: Sacramento etwa hat mit verheerenden Dürren zu kämpfen, in der vergangenen Woche stiegen die Temperaturen dort auf mehr als 40 Grad. Nach früheren Hitzewellen haben Städte wie Chicago, Philadelphia und Washington deshalb erste Gegenmaßnahmen ergriffen, wie etwa die Begrünung von Dächern, um das Aufheizen der Innenstädte zu reduzieren.

Bürgermeisterin Jacobs sagt, viele Gemeinden änderten ihre Flächennutzungspläne und Bauvorschriften, sorgten für höher gelegene Straßen sowie Start- und Landebahnen auf Flughäfen oder passten die Infrastruktur anderweitig an. Nichts davon sei schlagzeilenträchtig, aber „es sind die Ergebnisse, die das sexy machen.“

Wenn sich die Diskussion auf die Auswirkungen des Klimawandels konzentriere, sei es einfach, Menschen aller politischen Überzeugungen anzusprechen, sagt Roger Pielke, Professor für Katastrophenstrategie an der Universität von Colorado. „Es ist eine Versicherung. Die gute Nachricht ist, dass wir wissen, dass sich eine Versicherung wieder auszahlen wird.“ Und der Klimatologe Hadi Dowlatabadi von der Universität von British Columbia in Kanada sagt, wenn den Menschen erklärt werde, dass die zu treffenden Maßnahmen die Widerstandsfähigkeit gegen Naturkatastrophen stärkten, sei das für sie leichter verdaulich, als wenn vom Klimawandel die Rede sei. „Es geht darum, dem Thema den richtigen Namen zu geben.“

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