Tragen entspannt Mensch und Maus gleichermaßen
Baku, den 20. April (AZERTAG). Baby auf den Arm nehmen und herumgehen. Das Rezept kennen wohl alle Eltern. Es funktioniert nicht nur beim Menschen, sondern wahrscheinlich bei den meisten Säugetieren. Forscher haben die körperlichen Reaktionen junger Menschen- und Mäusekinder, die getragen werden, genau entschlüsselt.
Wird ein kleines Kätzchen im Nacken gepackt und angehoben, wehrt es sich nicht - ganz im Gegenteil. Ganz entspannt lässt es sich tragen. Denn wenn seine Mutter es von einem Ort zum anderen befördern will, packt sie es ja auch so. Tatsächlich wird der Nachwuchs verschiedener Säugetier-Spezies in ganz ähnlicher Weise ruhig, sobald er getragen wird. Beim Menschen ist das ähnlich: Wird ein weinendes Baby auf den Arm genommen, entspannt es sich oft.
Ein Team um Gianluca Esposito vom Riken Brain Science Institute im japanischen Saitama hat das Phänomen nun bei Menschen und Mäusen genauer studiert. Wie es im Fachmagazin „Current Biology“ berichtet, sorgt das Getragenwerden nicht nur dafür, dass Babys weniger schreien und strampeln, auch ihre Herzschlagfrequenz sinkt.
Zum einen testete das Team die Reaktionen mit Hilfe von zwölf Babys im Alter von ein bis sechs Monaten, die entweder in einem Bettchen lagen, von ihrer Mutter gehalten wurden, während diese saß, oder aber von der herumgehenden Mutter getragen wurden. Frühere Studien hätten widersprüchliche Ergebnisse geliefert, wie gut das Getragenwerden Babys nun beruhigt. Forscher hätten dafür jedoch oft nur Aufzeichnungen der Eltern nachträglich ausgewertet und nicht zwischen reinem Halten und Tragen unterschieden.
Esposito und Kollegen haben ein eindeutiges Ergebnis: Wenn die Babys getragen wurden, waren sie am ruhigsten, beim Gehaltenwerden schon etwas unruhiger und im Bettchen am unruhigsten.
Um die Reaktion bei Mäusen zu studieren, setzten die Forscher junge Mäusekinder einmal täglich etwas außerhalb des Nestes in ein durchsichtiges Schälchen. Die Mutter musste sie also holen und zurücktragen. Sobald die Mutter sie trug, hörten die Mäusebabys auf zu schreien. Ihre Laute liegen im Ultraschallbereich, so dass Menschen sie nicht hören können. Die Herzschlagfrequenz der Jungtiere sank ebenso wie bei den menschlichen Babys. Und sie zogen die Beine an und hielten still, was der Mutter natürlich das Tragen erleichtert.
Weniger Frust - Die Reaktion nutzt Kind und Eltern: Für den Nachwuchs bietet die Nähe der Mutter Sicherheit und Schutz. Und Mütter sind zufriedener, wenn ihr Baby entspannt ist.
Bei den Mäusen untersuchten die Forscher, wie genau die Reaktion denn nun zustande kommt. Demnach wird sie zum einen durch den Tastsinn ausgelöst, der den Kontakt mit der Mutter registriert. Außerdem ist die sogenannte Propriozeption beteiligt, also die Wahrnehmung über Haltung und Bewegung des eigenen Körpers.
Die an der Studie beteiligte Wissenschaftlerin Kumi Kuroda meint, die Forschung sollte die Einstellung von Eltern beeinflussen. „Wenn sie die wissenschaftliche Erklärung für die Reaktion des Babys kennen, bewahrt es Eltern vor einem Missverständnis. Dass nämlich ein Kind, das man gerade abgesetzt hat, zu weinen anfängt, weil es die Eltern kontrollieren will, was manche Elternratgeber behaupten.“ Die Reaktion sei völlig natürlich. „Wenn Eltern das wissen, sind sie vielleicht weniger frustriert, wenn das Kind wieder weint“, sagt sie.