Vogelgrippe kam offenbar über Südamerika in die Antarktis
Baku, 4. September, AZERTAC
Die Vogelgrippe hat die Antarktis von Südamerika ausgehend erreicht. Diese Annahme bestätigt eine im Fachjournal „Nature Communications“ vorgestellte Analyse von Erbsequenzen des Erregers. Wahrscheinlich sei das H5N1-Virus durch Zugvögel eingetragen worden.
Mehrere antarktische Seevogelarten wandern demnach regelmäßig zwischen dem Südatlantik und dem Südlichen Ozean hin und her und besuchen die südamerikanische Küste zur Nahrungssuche oder zum Überwintern.
„Die Daten der Studie stammen aus der vorangegangenen Brutsaison und belegen die Einführung und frühe Ausbreitung des Virus“, sagte Marc Engelsma von der Universität Wageningen, der selbst nicht an der Studie beteiligt war. „Die Sorge gilt nun der neuen Brutsaison, die auf der südlichen Halbkugel bevorsteht.“
Die antarktische Region beherbergt riesige Brutkolonien verschiedener Vogelarten. Wie schlimm das Virus dort wüten werde, sei noch nicht abzusehen. Generell gelte aber, dass Krankheitsausbrüche mit hoher Sterblichkeitsrate für bereits gefährdete Seevogelpopulationen eine erhebliche Bedrohung darstellen, wie AZERTAC unter Berufung auf Spiegel berichtete.
Zudem seien die Überlebenschancen des Virus in der kalten Umgebung erhöht, und es sei wahrscheinlich, dass es dort in Kadavern länger infektiös bleibe, erklärt das Team um Ashley Banyard von der britischen Animal and Plant Health Agency (APHA-Weybridge) in Addlestone.
Lange war die Antarktis die einzige große geografische Region, in der die seit Jahren weltweit kursierende Vogelgrippe-Variante nicht vorkam. Im Oktober 2023 wurde sie nun auch dort nachgewiesen. Damit gilt nur noch Australien als H5N1-frei.
Große Gefahr für Population langlebiger Arten - Die einzigartigen Ökosysteme der Antarktis und der subantarktischen Inseln sind von menschlichen Populationen zwar relativ isoliert, von den vom Menschen verursachten Umweltveränderungen wie der Einschleppung gebietsfremder Arten, Verschmutzung, Fischerei und raschem Klimawandel aber dennoch betroffen.
Vogelarten wie Wanderalbatros (Diomedea exulans), Goldschopfpinguin (Eudyptes chrysolophus), Graukopfalbatros (Thalassarche chrysostoma) und Weißkinn-Sturmvogel (Procellaria aequinoctialis) seien schon jetzt als gefährdete Arten gelistet. Und gerade langlebige Arten wie Albatrosse, die erst spät geschlechtsreif werden, seien wenig widerstandsfähig gegenüber einer höheren Sterblichkeit innerhalb der Population.
Ursache der weltumspannenden Vogelgrippeausbrüche ist die sogenannte Klade 2.3.4.4b des H5N1-Virus. Seit etwa 2020 breitet sich diese Untervariante – wahrscheinlich von Asien ausgehend – immer weiter aus. Vor allem Wildvögel und Geflügel, seltener auch Säugetiere wie Meeressäuger, Nerze, Füchse und Bären, erkranken. Zudem kam es unter anderem in den USA auch zu Übertragungen von Rindern auf Menschen.
Ende 2022 sei der Erreger nach Südamerika vorgedrungen, das bis dahin stets vogelgrippefrei geblieben war, so die Studie. Entsprechend empfänglich waren viele Vogelpopulationen dort. Zudem infizierten sich in der Region zahlreiche Meeressäugetiere und verendeten.
Im Februar 2024 wurde das H5N1-Virus erstmals auf dem antarktischen Festland nachgewiesen, bei einer verendeten Raubmöwe. Für eine riesige Gruppe in der antarktischen Region lebender Vögel ist das Ausmaß der Folgen bisher noch weitgehend unklar: Pinguine. Sie seien womöglich für die kursierende Variante weniger anfällig als befürchtet, schreiben die Forschenden.
Pinguine nisten in hohen Dichten – Seuchen können sich daher besonders rasant in ihren Kolonien verbreiten. „Die derzeitige Situation deutet jedoch nicht darauf hin, dass signifikante Sterblichkeitsfälle bei Pinguinarten zu erwarten sind“, heißt es in der Studie.