Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Warum wir immer mehr wollen

Baku, den 8. April (AZERTAG). Jeder Werber weiß: Menschen konsumieren, um anderen nachzueifern. Nur die Volkswirtschaftslehre hat diese Erkenntnis lange Zeit ignoriert. Französische Forscher wollen das ändern - finanziert von Facebook-Milliardär Peter Thiel.

Wahrscheinlich gibt es keinen besseren Ort als Hongkong, um zu erkennen, dass dem menschlichen Konsum etwas zutiefst Beklopptes innewohnt. Nirgendwo auf der Welt fahren so viele Rolls-Royce pro Einwohner umher wie hier - obwohl in den engen Hochhausschluchten der südchinesischen Metropole von Fahren kaum die Rede sein kann. Und nirgendwo sonst reihen sich so viele Geschäfte für Luxusuhren aneinander - obwohl die gleiche Rolex beim fliegenden Händler nebenan hervorragend gefälscht für 50 statt 5000 Euro zu haben ist.

Insofern ist eine Ökonomen-Konferenz in Hongkong wohl der richtige Ort für eine Forschergruppe um den französischen Philosophieprofessor Jean-Pierre Dupuy, die dort kürzlich ihren abgründigen Blick auf den menschlichen Konsum vorstellte. Je größer unser Wohlstand, so das Fazit, umso größer der Anteil unserer Ausgaben, mit denen wir lediglich anderen Menschen nacheifern.

Jeder, der schon einmal eine Staffel „Mad Men“ gesehen oder einen Roman von Jonathan Franzen gelesen hat, wird sich nun fragen. Und was soll daran neu sein? Werber wissen intuitiv. Das Versprechen von Status ist eines der wichtigsten Verkaufsargumente überhaupt. Generationen von Schriftstellern haben sich am Elend der US-Mittelschicht abgearbeitet, deren wichtigster Lebensinhalt angeblich darin besteht, ein größeres Auto zu fahren als der Nachbar. Und in den Sozialwissenschaften hat der Soziologe Thorstein Veblen bereits 1899 eine entsprechende Theorie vorgelegt.

Nur die Volkswirte haben es sich einfach gemacht: Den Ausgangspunkt all ihrer Gedankengebäude bilden Bedürfnisse von Menschen, die mit knappen Ressourcen befriedigt werden müssen. „Wie die Menschen allerdings zu ihren Bedürfnissen kommen, das ist bis heute eine Black Box in den Wirtschaftswissenschaften“, sagt Dupuy. Er und seine Kollegen wollen diese Black Box füllen und bedienen sich dazu der Nachahmungstheorie des Kulturwissenschaftlers René Girard: Für ihn zählt der Drang von Menschen, andere in ihrem Verhalten zu imitieren, zu den Grundlagen der Zivilisation.

Wie Finanzmärkte neigen auch Konsumgütermärkte zu Spekulationsblasen - Angewandt auf die Wirtschaftswissenschaften führt Girards Theorie zu beunruhigenden Erkenntnissen. Märkte für Konsumgüter tendieren nicht automatisch zu einem Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage, wie gemeinhin angenommen, sondern zu einem immerwährenden Ungleichgewicht. Ebenso wie Finanzmärkte neigen auch Märkte für Konsumgüter zu Spekulationsblasen (wenn plötzlich jeder ein iPhone haben will) und plötzlichen Crashs (wenn irgendwann niemand mehr ein iPhone haben will).

Jede eigene Konsumentscheidung beeinflusst die Konsumentscheidung derjenigen, die man nachahmt - und umgekehrt. Und jede Konsumentscheidung erzeugt in der Gesellschaft eine Fülle von neuen Bedürfnissen. Egal, wie viele Güter eine Gesellschaft hervorbringt: Die Knappheit, der Mangel an Ressourcen, um alle Bedürfnisse zu befriedigen, bleibt stets bestehen. Mehr noch: „Ohne Knappheit gäbe es keine Nachfrage“, so Dupuy. Denn wenn jeder alles hätte, gäbe es auch keinen Anreiz mehr zum Nachahmen.

Finanziert wird Dupuys Forschungsarbeit vom deutsch-amerikanischen Milliardär Peter Thiel, der mit seinen Investitionen bei PayPal und Facebook reich geworden ist. Girard war Professor an der Stanford-Universität, Thiel sein Student - und von der Nachahmungstheorie derart beeindruckt, dass er mittlerweile eine Stiftung ins Leben gerufen hat, um die Ideen des hochbetagten Girard zu verbreiten.

Das Forum dafür bot in Hongkong ein anderer Milliardär. Spekulantenlegende George Soros. Das von ihm gegründete und finanzierte Institut für Neues Ökonomisches Denken hat es sich zum Ziel gesetzt, Denkverbote in den Wirtschaftswissenschaften zu hinterfragen und Leerstellen zu füllen. Auch deshalb war die Jahrestagung des Instituts in Hongkong für Dupuy der passende Ort, um seine Arbeit zu präsentieren.

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